Zwei Gäste fahren mit E-Bikes auf der Herzschlaufe Napf 399 in der Nähe von Trubschachen. / Bild: Christof Sonderegger
Emmental: Acht Jahre leitete Isabelle Hollenstein Emmental Tourismus. Nun zieht sie Bilanz über E-Bikes als Erfolgsmodell, fehlende Hotelbetten und sanften Tourismus.
Frau Hollenstein, im März geben Sie die Leitung von Emmental Tourismus ab. Ist das Emmental in dieser Zeit bekannter geworden?
Ob und bei wem es bekannter wurde, ist schwierig zu definieren. Das Emmental verfügt heute auf jeden Fall über deutlich mehr touristische Angebote, die wir besser bündeln und weiterentwickeln konnten. Die Zusammenarbeit wurde gestärkt, viele neue Ideen wurden umgesetzt. Insgesamt sind wir zufrieden mit der Anzahl Gäste, die heute in der Region unterwegs sind.
Eines Ihrer ersten Ziele war es, das Emmental als E-Bike-Paradies zu vermarkten. Warum gerade E-Bikes?
Damit die Region von den Gästen wahrgenommen wird, war es wichtig, auf ein klares Aushängeschild zu fokussieren. Dies auch, weil wir über ein beschränktes Budget verfügen und das Geld gezielt einsetzen müssen. Das Thema E-Bike lag auf der Hand, nicht nur, weil das E-Bike im Emmental erfunden wurde, sondern auch, weil die hügelige Landschaft ideal für Entdeckungstouren mit diesen Velos ist.
Sie entwickelten fünf neue Velo-routen unter dem Namen «Hügu Himu». Was war dazu nötig?
Vor allem viel Feinarbeit: zuerst die Streckenplanung, dann die Angebotsentwicklung. Schritt für Schritt haben wir entlang der Routen Restaurants, Hofläden oder Übernachtungsmöglichkeiten eingebunden, um Wertschöpfung zu generieren. Das ist gelungen - die Wertschöpfung pro Gast ist gestiegen.
Das Emmental galt lange als reine Ausflugsregion. Konnten durch die E-Bike-Routen auch mehr Übernachtungsgäste gewonnen werden?
Die Zahlen entwickelten sich positiv. Im Jahr 2024 verzeichneten wir rund 139'000 Logiernächte, vor zehn Jahren waren es rund 110'000. Die Nachfrage schwankt allerdings von Jahr zu Jahr, mehr Übernachtungsgäste wären grundsätzlich wünschenswert.
Gibt es überhaupt Potenzial für eine Steigerung? Die Übernachtungsmöglichkeiten sind begrenzt.
Im Agrotourismus hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Das Potenzial in der Parahotellerie - also Übernachtungen auf Bauernhöfen, in Airbnb's oder Ferienwohnungen - ist gross, ebenso die Nachfrage. Hinzu kommen spezielle Angebote wie Übernachten im Iglu, im Wohnfass oder im Baumzelt. Was fehlt, sind genügend Hotelbetten.
Es fehlen Hotels in der Region?
Ja, das Hotelangebot deckt die Nachfrage nicht. Besonders Gruppenanfragen kann oft nicht nachgekommen werden. Es fehlt ein grösserer Betrieb mit 50 bis 60 Betten. Deshalb sind geplante Hotelprojekte in der Region - wie zum Beispiel das Hotel beim Campus in Langnau oder das Hotel Tanne in Trachselwald - sehr willkommen.
Den Massentourismus will man kaum ins Emmental holen?
Nein. Wir setzen seit jeher auf sanften Tourismus. Wir möchten Gäste, die sich für das Emmental interessieren, die Region bewusst geniessen und idealerweise mehrere Tage bleiben. Gleichzeitig erweitern wir die Zielgruppen. So stehen zum Beispiel seit einiger Zeit Gäste aus der Westschweiz und Familien vermehrt in unserem Fokus.
Wer besucht heute das Emmental?
Über 80 Prozent unserer Gäste kommen aus der Schweiz, der Rest grösstenteils aus den Nachbarländern. Ein bemerkenswerter Teil sind aber auch amerikanische Gäste - Nachfahren von Täufern, die sich auf die Spur ihrer Familiengeschichte begeben.
Was unterscheidet das Emmental von anderen ländlichen Destinationen?
Hier findet man die Bilderbuchschweiz: sanfte Hügel, imposante Bauernhäuser, eindrückliche Aussichten. Gleichzeitig prägen Authentizität und Naturerlebnis die Region. Und die Gastfreundschaft! Hier kommt man mit den Menschen noch ins Gespräch. Genau diese Mischung macht das Emmental attraktiv.