Zwillingsschwester der Sprache

Wenn ich früher im Religionsunterricht über die Bedeutung der Wahrhaftigkeit redete, las ich den Kindern stets zuerst die Erzählung «Ein Tisch ist ein Tisch» von Peter Bichsel vor. Es geht darin um einen Mann, der sich seine eigene Sprache zusammenbastelt, weil ihm sein Leben zu grau und eintönig erscheint. Der Preis, den er dafür zahlen muss, ist hoch: Er wird von den andern nicht mehr verstanden und versteht am Schluss seine Mitmenschen selbst nicht mehr. Die Geschichte regte mich an, sich mit den Schülerinnen und Schülern Gedanken zu machen über die Sprache, die eine grosse Gabe Gottes ist.

Auf verschiedene Weise wird
unsere Sprache immer wieder bedroht. Eine Gefahr droht ihr durch die Ersetzung klarer Worte (im Sinn des Jesuswortes «Eure Rede sei Ja, Ja, nein, nein!») durch «Schwammworte». Sie sind nicht klar und können alle möglichen Bedeutungen wie ein Schwamm aufsaugen. 

Ein solches «Schwammwort» ist das Modewort «alternativ». Es hilft oft, von einer klaren Be-zeichnung oder Wahrheit abzulenken. Dazu ein Beispiel. So las ich einmal, Franz von Assisi sei ein «Alternativer» seiner Zeit gewesen und habe einen «alternativen Lebensstil» gepflegt.
Damit wird man aber diesem grossen Heiligen nicht gerecht. Natürlich hat er sich mit seinem Lebensstil deutlich von dem vieler Zeitgenossen abgesetzt. Das Typische seiner Person und seines Zeugnisses war aber nicht sein Lebensstil, sondern schlicht und einfach die konsequente Nachfolge Christi, aus der sich alles andere ergeben hat.

Wenn hin und wieder bei
Diskussionen modische «Schwammwörter» gebraucht werden, sollte man fragen:
«Würden Sie uns bitte erklären, was Sie genau unter diesem Wort
verstehen?» 

Wir leben im digitalen Zeitalter, in dem beinahe alles in Codeziffern übersetzt werden kann. Vergessen wir dabei aber nie, dass die menschliche Sprache weit mehr ist als das Aneinanderreihen von Codes. Sie ist – nach Gottes Plan – gleichsam die Zwillingsschwester der Wahrheit. Im Johannesevangelium sagt
Jesus die befreienden und Mut machenden Worte: «Die Wahrheit wird euch frei machen.» Wenn wir uns vornähmen, uns
in ihren Dienst zu stellen, würde dies unser Leben echt bereichern.


05.08.2021 :: Rudolf Vogel