Lorenz hatte in den letzten Jahren zwar kaum noch Kontakt mit Tante Gertrud. Dennoch fühlte er sich als einziger Neffe verpflichtet, an ihrer Trauerfeier teilzunehmen. Der Stadtfriedhof, wo sie ihre letzte Ruhe finden sollte, war ihm unbekannt. So fand er es praktisch, sich vom Navi den Weg zeigen zu lassen. Eine weibliche Automatenstimme dirigierte ihn links, rechts und geradeaus durch ihm fremde Strassen und Quartiere. Schliesslich gab sie bekannt: «Sie haben Ihr Ziel erreicht!» «Friedhof Waldheim» stand mit grossen Buchstaben über dem gusseisernen Eingangstor zu
lesen. Nachdem er seinen Fiat auf einem gebührenpflichten Parkplatz abgestellt hatte, durchschritt Lorenz die grosse Parkanlage. Während er die verschiedenen Grabarten betrachtete – Baumgrab, Rasengrab, Blumengrab, Waldgrab, anonymes Grab –, klang die Automatenstimme des Navi in ihm nach: «Sie haben Ihr Ziel erreicht!»
Er schluckte schwer. Bis anhin hatte er sich selten Gedanken über seine Endlichkeit gemacht.
Lorenz war Familienvater, hatte eine verantwortungsvolle Arbeit in leitender Position inne und engagierte sich ehrenamtlich in mehreren Vereinen. Seine Tage waren reichlich ausgefüllt und das passte so. Wenn alles gut ging, durfte er noch ein paar Jahrzehnte auf diese Weise weitermachen. Doch irgendwann?... «Sie haben Ihr Ziel erreicht!»
Ist der Friedhof sein letztes Ziel oder gibt es noch etwas darüber hinaus?
Weil er zeitlich früh dran war, setzte er sich auf eine Parkbank. Er zog Tante Gertruds Todesanzeige aus der Tasche und betrachtete ihr verrunzeltes, gutmütiges Gesicht. Da fielen ihm ein paar Zeilen oben rechts auf, die er bislang übersehen hatte. «Jesus Christus spricht: ‹Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.›» Gedankenversunken faltete er das Zirkular zusammen. Es wäre wohl an der Zeit, über sein eigentliches Lebensziel Klarheit zu bekommen.