Was zeichnet die Menschheit aus? Lebt jeder Mensch für sich selbst? Sollten wir nach Individualismus oder nach Kollektivismus streben? Diese Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten, denn der Mensch ist beides: ein Einzelwesen und ein soziales Wesen, ein «homo socialis». Als Individuum lebt er von Beziehungen, auf die er wiederum Einfluss nehmen kann.
Letzten Sonntag hat mit dem Fest der Dreieinigkeit die sogenannte Trinitatiszeit begonnen, die sich bis zum Vorabend des Ewigkeitssonntags erstreckt. Diese über tausendjährige Feier zelebriert Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist. Viele tun sich schwer mit der theologischen Idee der Dreieinigkeit: «Was nützt mir denn dieses metaphysische Hirngespinst?» Dieses christliche Dogma ist jedoch nicht aus einer abstrakten Reflexion über Gott hervorgegangen. Vielmehr setzte es sich durch ein Ringen mit einem Gott durch, der sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Sogar ein neues Wort musste für dieses Geheimnis geschaffen werden, um dem biblischen Zeugnis gerecht zu werden: der lebendige Gott ist eines Wesens, offenbart sich jedoch in drei Seinsweisen. Wäre sonst niemals einem Menschen der Gedanke der Dreieinigkeit gekommen?
Gerade die Schwierigkeit, sich diese Idee vorzustellen, spricht für sich. Die altgriechischen Philosophen stritten über das Urprinzip, das das Universum zusammenhält: Ist es Einheit oder Vielfalt? Christliche Theologen antworteten: Gott als Ursprung allen Lebens ist beides – Einheit und Vielfalt in einem. Christen glauben an einen einzigen Gott, aber an eine Gottheit, die in Beziehung lebt. In diesem Licht lernen wir sowohl die Einzigartigkeit jedes Lebewesens neu zu schätzen
als auch die Tatsache, dass alles Leben auf Beziehungen angewiesen ist. Dies gilt in höchstem Masse für uns Menschen, die nach dem Bild des «Deus socialis» Gottes geschaffen sind.