Anmelden
Hirnschlag

Der 74-jährige Norbert reist von Berlin nach Bern, um im Kreise seiner in die Schweiz ausgewanderten Tochter Silvester zu feiern. Entgegen allen mahnenden Worten, die weite Reise mit dem Zug zurückzulegen, fährt Norbert mit dem Auto nach Bern. Es wirkt, als wolle er sich beweisen, dass er zu der fitten Rentnergeneration gehört. Und fit ist Norbert wirklich, vor allem geistig. Als ehemaliger Oberstufenlehrer unterrichtet er noch heute Deutsch und Geschichte an einer privaten Uni. Zudem hat er politische und ehrenamtliche Ämter inne. Unermüdlich setzt er sich für sozial Schwache ein. So fährt er zum Beispiel invalide Flüchtlinge ins Krankenhaus. 

Die Stimmung ist gut an diesem Silvesterabend, zu deren Festgemeinde ich auch gehöre. Wir öffnen die ersten Biere und prosten. Doch plötzlich wird Norbert schwindlig und der sonst so wortgewandte Mann kämpft mit jedem Wort. Wir Anwesenden vermuten sofort, dass es sich um einen Hirnschlag handeln muss. Sofort wird Norbert auf die Notfallstation des Unispitals gefahren, wo die Diagnose Hirnschlag kurze Zeit später bestätigt wird. 

Tags darauf besuchen wir Norbert auf der Stroke-Unit, der Intensiv-Station für Hirnschlagpatienten. Wegen der drohenden Grippe-Epidemie tragen wir alle Mundschütze, was der eh schon etwas beängstigenden Atmosphäre dieser Station zusätzlich etwas Surreales verleiht. Nur durch weisse Vorhänge abgetrennt, liegen sechs Hirnschlag-Patienten auf dieser Abteilung. Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Pflegerinnen huschen pausenlos hin und her. Aus jeder Ecke piepst ein Überwachungsgerät in allen erdenklichen Tonlagen. Und hier, mitten in diesem hektischen Bienenhaus, liegt Norbert, verkabelt mit zahlreichen Elektroden, verbunden mit Infusionen, welche ihm überlebenswichtige Medikamente in die Venen speisen. Wir sind begeistert, dass uns Norbert erkennt. Und er kann sprechen, zwar äusserst undeutlich und langsam, aber er spricht! Und er erzählt uns, dass ihm heute Morgen sein ganzes Desaster bewusst wurde. Dass er nie mehr unterrichten könne, dass er alle seine Ämter niederlegen müsse, nie mehr Auto fahren könne, nie mehr Bedürftige herumfahren werde, dass er jetzt selber für immer auf Hilfe angewiesen sein werde. 

Norbert hat Tränen in den Augen und mir wird einmal mehr in aller Deutlichkeit klar: Das Leben ist hier und jetzt. Geniessen wir es!


18.01.2018 :: Anton Brüschweiler Gysenstein
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr