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Paternoster, der Du bist unser Fahrstuhl des Lebens

Ich erinnere mich, dass in einem Berner Sportgeschäft lange Zeit ein Paternoster in Betrieb war. Ein Lift also, bei dem sich mehrere Einzelkabinen im ständigen Umlaufbetrieb befinden. 

Wenn ich mich recht entsinne, wars der letzte seiner Art in der Schweiz und wurde 2014 ausser Betrieb genommen.

Wenn immer möglich, hüpfte ich als kleiner Junge herzklopfend in eine der nie stillstehenden Kabinen und drehte zwei, drei vertikale Runden. Ich erinnere mich an das leise Bangen, wie das wohl oben gehen wird, oben, beim Wendepunkt. Ob man da nicht zerquetscht werden würde? 

Ist nicht auch das Leben irgendwie ein Paternoster? 

Wer weiss denn schon, wann und wo der höchste Punkt des Lebens, der Wendepunkt einer Karriere erreicht ist? Oder der Tiefpunkt? Wer weiss, wann Aussteigen, wann Weiterfahren angezeigt wäre?

Man besteigt also irgendwann eine dieser Kabinen und hofft, dass sie möglichst immer aufwärts fährt. 

Vielleicht steigt man irgendwann im Stockwerk «Zufriedenheit» aus, freut sich des Lebens, hat einen gewissen Wohlstand erreicht, hat eine Familie gegründet, hat Freunde…

Dummerweise hat man aber immer wieder diesen Paternoster im Auge, dieses ewige Auf und Ab der Kabinen. Was wäre wohl weiter oben noch möglich? 

Seltsamerweise ists vorwiegend die Frage nach dem «weiter oben». Obwohl man auch die abwärts fahrenden Kabinen sieht. Und auch die sind doch mit Menschen besetzt, mit «Verlierern».

Aber irgendeinmal obsiegt die (Neu-)Gier, der Wunsch nach «Nochmehr». Und schliesslich besteigt man den Paternoster erneut, freut sich auf den Aufstieg.

Aber wieviel jetzt riskieren? An wie vielen Ausstiegsmöglichkeiten jetzt vorbeifahren, weil weiter oben vielleicht ein noch lukrativeres Stockwerk lockt? 

Ist dann die Unvernunft schuld, die einen den rechtzeitigen Ausstieg verpassen lässt? Oder ists Pech, dass der obere Wendepunkt früher erreicht ist, als man gehofft hat? Denn auf einmal gehts wieder abwärts. Und gemeinerweise viel rasanter als vorher aufwärts. Zudem scheint es auf der Fahrt nach unten viel weniger Ausstiegsmöglichkeiten, Notausgänge zu geben. 

So fährt man denn tiefer und tiefer hinunter, begleitet von der Reue, nicht früher ausgestiegen zu sein, sich nicht mit etwas weniger zufrieden gegeben zu haben. Und falls man nicht resignierend bereits in den Kellergeschossen ausgestiegen ist und mit dem Schicksal hadert, keimt die Zuversicht, dass der Paternoster irgendwo auch einen unteren Wendepunkt haben muss, der Lebens- und Erfolgslift irgendwann also auch wieder nach oben führt…


17.08.2017 :: Peter Leu Biglen
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