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Herbstlicher Blätterwald

Endlich ist dieser heisse Sommer vorbei. Es ist kühl, riecht nach Erde und Pilzen. Die Jahreszeit, welche es am buntesten treibt, ist da. Leuchtende Farben als Gegensatz zum Wort Herbst, welcher vom nahen Tod erzählt, wie beispielsweise der Deutsche Herbst 1977, der geprägt wurde von der RAF. Schlagzeilen gab es zum «Heissen Herbst» für den Protest der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Pershing-Raketen et cetera im Spätherbst 1983. Herr Blocher redete in der Schweizer Presse von einem «unangenehmen Herbst», weil er einen Handelskrieg mit der EU nicht ausschliessen kann. Mir schwant, es gibt vielleicht einen politischen Herbst, wenn ich die Tagespresse mit den führenden Akteuren verfolge. Rechtspopulisten in vielen europäischen Ländern machen auf sich aufmerksam. Gefährlich wird es, wenn ich Donald Trump, Vladimir Putin oder Kim Jong-un mit in die farbige Politmanege einflechte, da wird er schillernd, der Herbst. Schlagzeilen jagen sich und berichten vom farbenfrohen Treiben eben dieser. Bunte Jahreszeit trifft bunte Gedanken. Unten im Tal schiebt sich der Nebel nach oben. Mit Spannung schaue ich auf das Wattemeer, ziehe die Wanderstiefel an und gehe los. Das Laub raschelt unter den Sohlen, die Sonne geht unter, die Politik verschwindet aus dem Geist. Ein Quietschen auf der Strasse stört die aufkeimende Idylle. Ein Autofahrer lernt die wichtigste Regel: Wenn die Tage kürzer werden, werden die Bremswege länger. Das gilt schon auf herbstnassen Strassen. Ich entspanne erneut im Farbenspiel der Natur, die der Herbst in der untergehenden Sonne wundervoll koloriert. Plötzlich höre ich eine Melodie der Jahreszeit aus dem nahen Wald. Geräusche einem Kendokampf gleich, bei dem sich die Kämpfer nach Art der Samurai mit dem Stock duellieren, dringen an mein Ohr. Allerdings sind diese Kendostangen verästelt, manchmal knapp über einen Meter lang und wiegen bis zu acht Kilo. Die Kämpfer sind Rothirsche, besser gesagt Platzhirsche, die männliche Konkurrenz von ihrem Rudel fernhalten wollen. Ich verlasse den Hauptweg, schleiche am Waldrand entlang. Kurz darauf erscheint ein Hirsch auf der Lichtung, röhrt stetig in Richtung seiner Gegnerschaft. Ich lausche dem Rufen und Knallen, denke an Schlagzeilen. Da wirft sich mein Hirsch in die Brust, röhrt laut und trabt Richtung Gegner los. Hinter mir knackt ein Zweig. Mir fährt ein Schauer über den Rücken. Die nächste Wahl kommt
bestimmt: Entscheide ich mich für «Hirschkuss» oder «Jägermeister»?



04.10.2018 :: Martina Jud Sörenberg
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