Mutig und stolz auf den Laufsteg

Mutig und stolz auf den Laufsteg
Elisabeth Lehmann (links) und ihre Tochter Anna Haberstich. / Bild: Laura Fehlmann (lfc)
Biglen: Bunt. Frech. Elegant. So schritten die Seniorinnen und Senioren an der Modenschau im Bären Biglen über den roten Teppich. Sie bewiesen auf eindrückliche Art und Weise, dass gutes Aussehen und Freude daran keine Frage des Alters ist.

Zum Auftakt spielt das Schwyzerörgeliquartett Frauenpower «Morge früeh we d´ Sunne lacht», ein altes Lied, das die Alten und Älteren im Bärensäli bestimmt hätten mitsingen können. Aber die Aufmerksamkeit gilt anderem. Der lange rote Teppich, der zwischen der Gästeschar liegt, mag bei der einen oder anderen Person für Herzklopfen sorgen. Denn die bis über 90-jährigen Frauen und Männer werden in wenigen Minuten über diesen Teppich laufen, einige mit Krücken oder Rollator, eine der Ältesten im Rollstuhl.

Schönheit als Quelle der Lebensfreude

Die angehende Aktivierungsfachfrau Jasmine Hari organisierte den Anlass mit viel Unterstützung vonseiten des Heims im Bären Biglen, von Freiwilligen und natürlich der Models. «Ich kam auf die Idee, weil ich diesen Menschen sehr nahe bin und Achtung vor ihnen habe. Mein Anliegen ist, ihnen zu zeigen, dass Schönheit im Alter an Bedeutung gewinnen kann», sagt Hari.

Bereits die Vorbereitungen seien intensiv und überraschend verlaufen. Viele Frauen seien gewöhnt, immer hinter ihrem Mann zu stehen, und trauten sich fast nicht, in ein schönes Kleid zu schlüpfen. «Die Freude ist gross, wenn sie es wagen. Männer sind da um einiges lockerer und selbstbewusster», sagt Jasmine Hari weiter. Diese besondere Freude wolle sie sichtbar machen. Dabei gehe es nicht nur um die Kleider, mehr um Emotionen, um Selbstwertgefühl und Lebensfreude.

«Falten erzählen Geschichten»

Die Organisatorin selber ist in eine Berner Tracht gekleidet. «Schönheit verändert sich mit der Zeit. Trotzdem ist sie präsent. Gesichter mit Falten erzählen Geschichten», sagt sie zum Auftakt. Im Saal ist es ruhig. Die Schwyzerörgelifrauen spielen einen Walzer. Auf den Gesichtern der Menschen zeigt sich Zufriedenheit und Ruhe, auch etwas Spannung, als Jasmine Hari das erste Model ankündet: Erika Schmid betritt den roten Teppich. Die grosse, schlanke Frau mit den silberweissen Locken trägt einen wadenlangen blauen Rock mit einer Spitzenrüsche. Darüber eine geblümte Bluse mit weisser Spitzenjacke. Den tosenden Applaus scheint sie mit einer Mischung aus Schüchternheit und Freude zu registrieren. Sie lächelt Bekannten zu, dreht sich gekonnt, und geht wieder zurück.

Es folgen Frieda Wittwer und Hanna Haldimann. Mit ernsten Gesichtern, es wirkt fast so, als ob sie demnächst in Freudentränen ausbrechen würden. Sie sind in Träume aus Blumen, blau und violett, gekleidet, geschmückt mit prächtigem, selbst gebasteltem Schmuck aus Kaffeekapseln, wie die Organisatorin erwähnt.

Mit Glücksgefühlen

Männer wagen sich ebenfalls über den roten Teppich, beispielsweise Hans Kohler (94) im eleganten schwarzen Anzug mit Zylinder. Er läuft am Stock und lächelt, obschon, wie er später sagen wird, er «nicht besonders gut in Form» sei. Trotzdem habe ihm der Auftritt Spass gemacht.

Auf dem Teppich herrscht Leben. Schlank  und füllig. Leichtfüssig oder mit sichtlicher Mühe bewegen sich die alten Menschen. Allen gemeinsam ist die Freude auf dem Gesicht, die sie zu tragen scheint. «Könnt ihr euch vorstellen, wie viel Mut es braucht, sich auf dem roten Teppich zu präsentieren?», fragt Jasmine Hari ins Publikum von Kindern, Gross- und Urgrosskindern, das mit tosendem Applaus antwortet, und auf weitere Präsentationen wartet. In einem Raum nebenan werden die Models zurecht gemacht. Frisur, Make-Up – alles muss stimmen. So wie bei der 90-jährigen Ruth Liniger, die sich mutig in einem Zebra-Overall präsentiert, ein verschmitztes Lächeln im sonnengebräunten Gesicht. Oder wie bei Elisabeth Lehmann (92) und ihrer Tochter Anna. In den kurzen Haaren der beiden leuchten pinke Strähnchen. Auf dem Rollatortisch stehen rosa Lackstiefeletten, die wunderbar zu Lehmanns Bluse passen würden. Aber leider passen die hübschen Schuhe nicht an die Füsse… «So nehmen wir sie halt als Dekor mit», sagt die Tochter.

Sich selber gefallen

Käthi Heer ist 83 und seit Jahren freiwillige Helferin im Betagtenheim, liest den Senioren und Seniorinnen vor, sucht das Gespräch. Auch sie ist bei der Modenschau dabei, und zwar mit Begeisterung. «Ich freue mich, dass die Bewohnenden einmal im Mittelpunkt stehen», sagt sie. Und: «In einem gewissen Alter muss man sich selber gefallen. Das ist sehr wichtig. Darum geht es hier auch.»

Über den Teppich rollt auch Helen Gfeller. Die über 90-Jährige könne zwar nichts mehr sagen, verrät Jasmine Hari. Aber als sie die Kleider aus Südamerika gesehen habe, habe sie sich gefreut, weil sie mit ihrem Mann mehrmals in Venezuela war, und dort schöne Zeiten verbracht habe. In stiller Freude im Rollstuhl sitzend zeigt sich die Frau in einem farbig gestreiften Poncho mit Hut und scheint den Applaus zu geniessen.

Langsam neigt sich der Anlass dem Ende zu, und Frauenpower spielen auf ihren Schwyzerörgeli das alte, etwas wehmütige Lied mit der Zeile «es gibt, Millionen von Sternen …».

21.05.2026 :: Laura Fehlmann (lfc)