Ein Spiel, das Generationen verbindet

Ein Spiel, das Generationen verbindet
Wird die Kugel von Raffael Felix wohl die gewünschte Flugrichtung einschlagen? / Bild: Zora Stifel (zsl)
Brauchtum: Einmal im Jahr wird das traditionelle Spiel «Mazlas da Ramosch» in einem Dorf im Unterengadin ausgetragen. Es weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Hornussen auf.

Auf der Wiese unterhalb von Ramosch, einem kleinen Ort im Unterengadin, wirkt noch alles ruhig - doch schon bald wird sich dies ändern. Am Samstag findet hier das alljährliche «Mazlas da Ramosch» statt. Dieses Gemeinschaftsspiel ist eine Mischung aus Golf, Hornussen und Cricket - eine Tradition, die sich fast ausschliesslich in Ramosch gehalten hat. 

Die vier Einheimischen Raffael Felix, Linard Paulmichel, Moreno Pardeller und Nutal Carpanetti nehmen mich auf ihrer Trainingsrunde mit, um das Spiel vorzustellen und mich selbst ausprobieren zu lassen. Was beim Zuschauen als gut machbar erscheint, sollte sich noch als eine ziemliche Herausforderung herausstellen.


Ein Parcours durch die Landschaft

Mazlas wurde vor rund 2000 Jahren in Graubünden entwickelt und wird mit einem Schlagstock («Mazza») und einem Ball («Cula») gespielt. Ursprünglich bestand der Stock aus dem Stecken des Schneeballstrauches und einem Block aus hartem Holz. Auch die Kugel war aus Holz. Heute wird mit Golfbällen gespielt und einem Schlagstock aus Fiberglas. Über eine Distanz von ungefähr vier Kilometern sind acht Ringe aus Sägemehl platziert, in denen der Ball eingelocht werden muss. Wem dies mit den wenigsten Schlägen gelingt, gewinnt. Die ersten Bälle fliegen meist mehrere hundert Meter weit, während kurz vor dem Loch äusserst präzise gespielt werden muss, was laut den Spielern oftmals die grösste Herausforderung darstellt. Der Rekord auf der Strecke liegt bei 27 Schlägen. «Da muss alles perfekt laufen», betonen die Spieler. «Wir benötigen eher zwischen 30 und 40.» Damit sei man aber noch gut dabei. Die Schwierigkeit des Spiels beginnt auf jeden Fall schon ganz zu Beginn, beim Abschlag. Es sieht deutlich einfacher aus, den Ball zu treffen, als es tatsächlich ist. Nach fünf Fehlversuchen wird ein Strafschlag angerechnet. Bei den Geübten kommt dies wohl aber eher selten vor. Für die vier Ramoscher steht das jährliche «Mazlas» seit ihrer Kindheit auf dem Programm. Erlernt haben die Männer das Spiel in der Schule oder mit dem Grossvater. Auch heute ist es ein Fest, das Jung und Alt vereint. Letztes Jahr war der älteste Teilnehmer 82-jährig und die Jüngsten erst im Kindergarten.


Ein Wettkampf um Ruhm und Ehre

Nur während einer kurzen Zeit im Jahr kann die Wiese unterhalb des Dorfes für Trainings und den Anlass genutzt werden. Ab Mai ist das Gras zu hoch und der Platz wird für die Landwirtschaft genutzt. Da der Schnee nun vollständig geschmolzen ist, sind die vier Spieler guter Dinge, dass das «Mazlas da Ramosch» kommendes Wochenende durchgeführt werden kann. Nebst der Festwirtschaft durch den Tag hindurch wird es am Abend eine Afterparty geben - ein Grund, weshalb die Organisatorin, die «Giuventüna Ramosch», den Anlass vom Ostermontag auf einen Samstag verlegt hat. Morgens findet jeweils der Einzelwettkampf statt, nachmittags wird in Vierer-Teams um den Titel gerungen. Der Name des Siegers wird in einen Wanderpokal eingraviert. Gewisse Ambitionen unter den Einheimischen sind spürbar: «Ein Podestplatz wäre sehr schön - vor allem geht es aber um Ruhm und Ehre», sagt Raffael Felix. Auch wenn es vor allem beim Teamwettkampf bei schlechten Spielzügen zu Foppereien komme, sei die Stimmung spätestens beim gemeinsamen Bier wieder gut. «Mazlas» ist seit einigen Jahren international geworden - auch Spielerinnen und Spieler aus anderen Gemeinden und dem Ausland sind willkommen. Bis vor einigen Jahren war es nur den einheimischen Männern erlaubt, an dem Spiel teilzunehmen.


Zum Abschluss Bälle suchen

Als die vier Männer nach knapp drei Stunden wieder beim Anfangspunkt ankommen, ist die Stimmung mindestens genauso gut wie zu Beginn. Das zeigt sich auch beim gemeinsamen Bällesuchen im Gebüsch, Moor oder unter Grashügeln. Es wird viel gewitzelt, gelacht und angeregt diskutiert - das Miteinander ist ein zentraler Aspekt des «Mazlas». Am Ende gewinnt Raffael Felix die Runde knapp - nun ist er gespannt auf das Resultat am Wettkampftag. Auch ich wage mich zum Schluss noch einmal an ein paar weitere Schläge. Obwohl die ersten Versuche laut Rückmeldungen vielversprechend aussehen, treffe ich den Ball kaum. Schliesslich belasse ich es bei einem erfolgreichen Treffer und nehme mir vor, über das Jahr weiter zu üben, um nächstes Jahr vielleicht zur Erhöhung der Frauenquote beitragen zu können.

«Brauchtums-Tausch» der «Engadiner Post»

Dieser Artikel erscheint auf Initiative der «Engadiner Post/Posta Ladina». In dieser Lokal-zeitung erscheint dieses Jahr eine Serie mit dem Titel «Brauchtums-Tausch». Den Leserinnen und Lesern werden verschiedene Bräuche aus der Schweiz vorgestellt. «Dabei haben wir uns überlegt, ob es Bräuche gibt, die sich ähnlich sind», erklärt der Chefredaktor Reto Stifel. Eine Kollegin aus dem Unterengadin sei dabei auf das «Mazlas da Ramosch» gekommen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Hornussen im Emmental aufweist. Im Sommer wird deshalb ein Artikel über diese Sportart in der «Engadiner Post» erscheinen.

09.04.2026 :: Zora Stifel (zsl)