Im Regionalmuseum wird lokales Wissen zum Ausstellungsinhalt

Im Regionalmuseum wird lokales Wissen zum Ausstellungsinhalt
Ein Trachtenmieder macht lokales Wissen zum Tragen der Tracht sichtbar. / Bild: Andreas Reber (ral)
Langnau: Zusammen mit der Bevölkerung sammelt das Regionalmuseum Chüechlihus lokales Wissen und macht dieses in einer Ausstellung und digital auf einer Plattform zugänglich.

Im Chüechlihus wird wieder gesammelt - jedoch nicht Gegenstände, sondern lokales Wissen. Nachdem in den vergangenen Jahren im Rahmen des Projekts «Entsammeln» die Bestände des Regionalmuseums reduziert wurden, sollen nun Geschichten, Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Emmental ins Museum gelangen. «Nicht wir im Museum sind die Expertinnen für dieses Wissen, sondern die Bevölkerung», sagt Projektleiterin Wanda Seiler. Vieles, was Menschen über ihre Region wissen, werde im Alltag weitergegeben, oft beiläufig und ohne dass es je festgehalten wird. Dieses lokale Wissen will das mehrjährige, partizipative Projekt «spychere» nun zugänglich machen.


Trachtenmieder und Wasserschmöcken

Doch was ist lokales Wissen? «Wir orientieren uns an keiner wissenschaftlichen Definition», sagt Seiler. Häufig handle es sich um Wissen, das als selbstverständlich angeschaut werde, Wissen, zu dem man sage: «Mä weisses haut eifach.» Zum Beispiel, wie die Berner Tracht korrekt getragen wird. «Kein offenes Haar, wenig Schmuck», hat Sarina Wälti, Mitar­beiterin des Chüechlihus, zu einem ausgestellten Trachtenmieder festgehalten. Zudem gelte: «Der Schurz ist etwas kürzer als der Kittel, der nicht mehr als 28 Zentimeter über dem Boden endet.» Dieses «Trachten-Regelwerk» ist eines von 24 Beispielen, die zum Auftakt des Projekts präsentiert werden. Daneben gibt es etwa Beiträge zum sicheren Baden in der Ilfis oder zur Tradition des «Wasserschmöckens». Über QR-Codes gelangen Besucher­innen und Besucher von den Objekten auf die Onlineplattform «e-spycher». Diese vermittelt nicht nur das gesammelte Wissen, sondern enthält auch Bilder, Videos und Audioaufnahmen. Beim Trachtenmieder finden sich zum Beispiel Fotos von Wälti als Mädchen beim Trachtentanzen oder eine Videoanleitung zum Anziehen der Tracht. Der «e-spycher» lässt sich nicht nur in der Ausstellung nutzen, sondern kann auch von zu Hause aus aufgerufen werden.


Neun Co-Forschende unterwegs

Die Onlineplattform soll im nächsten halben Jahr von Emmentalerinnen und Emmentalern mit ihrem Wissen gefüllt werden. Die Einträge sind direkt über die Webseite möglich, sie können auch ergänzt und diskutiert werden. Wer dabei Unterstützung benötigt, kann seine Inhalte auch an einem «Wissensschalter» im Museum erfassen lassen - dieser ist an mehreren Sonntagen im Monat geöffnet. «Unsere Erfahrung zeigt, dass lokales Wissen häufig ein bisschen herausgekitzelt werden muss», sagt Wanda Seiler. Deshalb wird das Museumsteam von neun Co-Forschenden unterstützt. Diese stammen alle aus dem Emmental, unterscheiden sich aber in Alter, Hintergrund und Wohnort. Die Co-Forschenden sind in den nächsten Monaten an Märkten, Veranstaltungen oder Bahnhöfen unterwegs, um Geschichten zu sammeln.


Immaterielles Kulturebe im Fokus

Das gesammelte und ausgewertete Wissen wird in einem Jahr in eine neu konzipierte Ausstellung einfliessen. «Wie diese konkret aussieht, ist noch völlig offen», sagt Museumsleiterin Carmen Simon. Klar sei jedoch: «Wir bewegen uns weg von rein materiellem zu immateriellem Kulturerbe.» Damit stellen sich dem Museum auch neue konservatorische Fragen. Wie lässt sich das Wissen, das auf der Online-Plattform in Form von Texten, Bildern und Videos gesammelt wird, langfristig erhalten?

02.04.2026 :: Regine Gerber (reg)