Er verlasse die Praxis mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nach 26 Jahren in Zäziwil geht der Hausarzt Mathias Müller in Pension. / Bild: Rebekka Schüpbach (srz)
Zäziwil: Der Hausarzt Mathias Müller geht in Pension und verlässt auf Ende März 2026 die Gemeinschaftspraxis in Zäziwil. Viele seiner Patienten begleitete er ihr halbes Leben lang.
«Meine Patientinnen und Patienten sind genau so ein Teil meines Lebens, wie ich oft ein Teil von ihrem geworden bin», verdeutlicht Mathias Müller. Er freue sich zwar darauf, Verantwortung abzugeben und mehr Freiräume zu haben. Gleichzeitig sei es auch für ihn ein Abschied. «Ich gehe deshalb mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagt der 65-jährige Hausarzt. Seit 26 Jahren praktiziert Müller bereits in Zäziwil, 2013 kam die zweite Hausärztin, Nesrin Kartal, hinzu. Vor vier Jahren zog die Praxis von der Oberthalstrasse an ihren heutigen Standort am Spycherweg.
Über Zimbabwe nach Zäziwil
Mathias Müller kann auf eine lange berufliche Karriere zurückblicken. Aufgewachsen ist er im Kanton St. Gallen. In jungen Jahren zog es ihn nach Bern, wo er 1988 an der Uni sein Medizinstudium abschloss. Danach sammelte der Arzt Erfahrungen in verschiedenen Spitälern und Praxen und auf mehreren Gebieten. Dabei scheute er sich nicht davor, neue
Herausforderungen anzupacken und buchstäblich Grenzen zu überwinden.
Für die Organisation «SolidarMed» reiste er 1996 mit seiner Frau und den Kindern für drei Jahre nach Zimbabwe im südlichen Afrika. Dort arbeitete er als einer von zwei Ärzten in einem Landspital. Weit und breit gab es keine anderen Ärzte, was eine ganz neue Situation darstellte. «In Zimbabwe lernte ich auf meine erworbenen Fähigkeiten zu vertrauen», erinnert sich Mathias Müller. In verschiedenen Bereichen, wie etwa der Geburtshilfe, erfuhr er dabei, dass man mit wenig Ausrüstung schon viel erreichen kann.
Beeindruckt hätten ihn auch die Menschen, die er als lebensfroh und herzlich erlebte. Ähnlich wie die Einheimischen, lebten auch die Schweizer Ärzte bescheiden und kauften lokale Produkte auf dem Markt ein. «Ich lernte die Einfachheit des Lebens zu schätzen», sagt er rückblickend auf diese Zeit.
Das Ideal des Arztberufs
Um diese wertvollen Erfahrungen reicher, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm 1999 die Hausarztpraxis in Zäziwil. «Die Aufgabe als Hausarzt ist für mich das Idealbild des Arztberufs», antwortet er auf die Frage, weshalb er sich nicht in einem Gebiet habe spezialisieren wollen. Ihm gefalle, dass man als Hausarzt näher an den Patienten sei und diese in der Regel über Jahre begleite. Ausserdem sei sein Beruf sehr vielseitig und verlange vom Arzt eine hohe Flexibilität. Es gelte, schnell umzuschalten zwischen den verschiedenen Untersuchungen, Krankheiten oder Unfällen und den unterschiedlichsten Menschen. Kennt man die Leute und ihre Lebensumstände, sei es oft einfacher, die passende Therapie zu finden. Im Gegensatz zu früher erarbeite man diese heute oft mit dem Patienten zusammen. Man begegne sich mehr auf Augenhöhe.
Da es zudem immer mehr Möglichkeiten gäbe, viele Spezialisten und Vorschriften, komme er sich manchmal vor wie ein Lotse im Flugverkehr. Einer, der seine Patientinnen und Patienten durch diesen Dschungel führt, Termine bei Spezialisten organisiert und die Übersicht behält. Immer unterstützt durch seine Kollegin und die Praxisassistentinnen. «Wir haben ein super Team!», freut sich Müller.
Nachfolgerin gefunden
Sorgen bereitet ihm die Zukunft des Hausarztberufes. Er, der in seiner Praxis Medizinstudierende ausbildet, bedauert, dass nicht genügend junge Fachkräfte nachfolgen würden. Die Gründe dafür seien vielfältig und die Lage werde sich in Zukunft noch zuspitzen, ist er überzeugt: «Die Politik hat diese Entwicklung verschlafen!»
Umso glücklicher ist Müller, eine Nachfolgerin für sich gefunden zu haben. Marjana Galinec heisst sie, ist gebürtige Kroatin und lebt und arbeitet seit bald fünf Jahren in der Schweiz. Die Gemeinschaftspraxis wird also auch in Zukunft bestehen bleiben. Neue Patienten können jedoch nach wie vor nicht aufgenommen werden.
Mathias Müller schmiedet noch keine grossen Zukunftspläne und lässt sich alle Optionen offen. Bald wird er zum zweiten Mal Grossvater. Da er nach wie vor im Oberthal wohnt, wird er sicher auch ausserhalb der Praxis viele Begegnungen mit Menschen haben, von denen er nicht wenige ein halbes Leben lang als Arzt begleitet hat.