Freund der stachligen Geschöpfe

Freund der stachligen Geschöpfe
Willy Fallegger horcht die Atemgeräusche eines Igels ab. Er wurde von einem Fuchs ausgebuddelt und ein Bord heruntergerollt. Glücklicherweise wurde das Tier dabei nicht verletzt und kann jetzt an seinem angestammten Platz wieder freigelassen werden. / Bild: Beatrice Keck (keb)
Schüpfheim: Willy Fallegger hat sich den Igeln verschrieben. Er pflegt angeschlagene Tiere und hilft ihnen fachmännisch, zu überwintern. Und dies alles unternimmt er ehrenamtlich.

Jedes Jahr bestimmt Pro Natura das Tier des Jahres. Dieses Mal fiel die Wahl auf den Braunbrustigel. Der Igel, wie er im Volksmund vereinfacht genannt wird, ist eines der beliebtesten Wildtiere der Schweiz. Dennoch ist er seit 2022 auf der Roten Liste und als «potentiell gefährdet» eingestuft. Es liegt an jedem einzelnen von uns, das Überleben der putzigen Tierchen sicherzustellen. «Ich kann mich noch sehr genau an den Beginn meiner Begeisterung für den Igel erinnern», erzählt Willy Fallegger aus Schüpfheim. «Es war am 2. November 2011, als ich gegen 19 Uhr vor meiner Werkstatt mein Fahrzeug auslud. Plötzlich zertrat ich beinahe einen winzigen Igel.» Sofort war ihm klar, dass mit diesem kleinen Tier etwas nicht stimmen konnte, und er wandte sich an Evelyne Noser vom Verein Igelhilfe Luzern. Doch die Igelstation war bereits überfüllt mit Tieren, die dort kontrolliert überwinterten. Daher bat Noser ihn, das Igelchen selber aufzufüttern und zu überwintern. So kam Fallegger zu seinem ersten Schützling. Er wusste, dass eine Igelmutter zwischen zwei bis sieben Junge zur Welt bringt. Deshalb befürchtete er, dass even­tuell noch Geschwisterchen seines ersten Zöglings Hilfe brauchen: «Aus diesem Grund begann ich, meinen Garten und die nähere Umgebung jede Nacht mit der Taschenlampe abzusuchen. Und tatsächlich - ich fand noch drei weitere Jungtiere, die allesamt bloss ungefähr 300 Gramm wogen. Zu wenig also, als dass sie den Winter hätten überleben können.» Fallegger baute Igelhäuser, richtete diese mit Stroh und Laub warm ein und fütterte und überwachte die vier Igel unter genauer Anleitung der Igelstation. Denn auch der Winterschlaf des Igels muss überwacht werden. «Am 6. Dezember begaben sich die vier Jungtiere in den Winterschlaf», entnimmt Fallegger seinem Notizheft, in dem fein säuberlich sämtliche Daten aller Igel, um die er sich je gekümmert hat, aufgelistet sind. «Und am 24. März 2012 entliess ich die vier Tiere, die inzwischen 600 Gramm wogen, in die Freiheit. Als im Herbst zwei der vier Tiere, die ich im Frühling fachmännisch markiert hatte, wieder zum Überwintern zurück zu mir kamen, hatte mich die Arbeit mit den Igeln endgültig gepackt.» Im aktuellen Winter hat er 17 Igel überwintert. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit setzt Fallegger ungefähr 600 Arbeitsstunden und rund 1800 Franken pro Jahr ein.


Wann braucht ein Igel Hilfe?

Ist ein Igel verletzt, kugelt er sich bei Berührung nicht ein. Läuft er im Kreis, ist er stark von Fliegen befallen. Oder ist das Tier vor Wintereinbruch noch viel zu klein, dann gehört es unbedingt in die Hände von Fachleuten. «Findet jemand einen solchen Igel, sollte er umgehend eine seriöse Igelstation kontaktieren. Unter ‹pro-igel.ch› findet man diese Stellen aufgelistet», erklärt Fallegger. «Diese Igelstationen kontaktieren ihre Freiwilligen vor Ort, hier im Entlebuch also mich.» Fallegger macht sich dann auf, um den gefundenen Igel zu inspizieren und ihn gründlich auf Ungezieferbefall zu untersuchen. Nach dieser ersten Triage entscheidet er, ob der Igel zur Pflege in die Igelstation gehört oder ob er, mit Hilfe von Medikamenten, die er vom Tierarzt bezieht, den Igel selber kurieren kann. «Und wichtig», ergänzt er, «ich notiere von jedem Igel das Gewicht sowie den Fundort. Denn genau dort werde ich ihn, sobald möglich, wieder freilassen. Ist das nicht möglich, suche ich einen Ort weg von grossen Strassen, mit Hecken, Blumenwiesen und Laubbäumen. Ideal ist ein Naturgarten mit Holz-, Stein- und Laubhaufen.» «Nehme ich einen Igel zum Auffüttern und Überwintern zu mir, bedeutet das für mich, dass ich ihm jeden Tag neues Futter und Wasser gebe, sein Gehege reinige und ihn regelmässig wiege, bis er zu schlafen beginnt.» Sobald Fallegger im Frühling merkt, dass die Igel wieder aktiv werden, beginnt er, sie wieder mit getrockneten Insekten zu füttern, bis der Moment kommt, wo er sie in die Freiheit entlassen kann.


Was braucht der Igel?

Der Igel ist ein nachtaktiver Insektenfresser. Er ernährt sich von Käfern, Larven und Engerlingen. Ausserdem verzehrt er Spinnen, Tausendfüssler, hin und wieder auch Aas. «Schnecken frisst er bloss bei fehlendem Nahrungsangebot, und diese können ihm Parasiten übertragen», korrigiert Fallegger einen weit verbreiteten Mythos. «Ein igelfreundlicher Garten hat Zugang zu Wasser und faustgrosse Durchschlüpfe im Zaun.» Gartenteiche oder Swimmingpools sind mit einer Ausstieghilfe zu versehen. «Oft tödlich sind für den Igel Fadenmäher und Rasenroboter. Man muss unbedingt
vor dem Mähen potentielle Verstecke mit einem Laubrechen kontrollieren und den Mähroboter - wenn überhaupt - nur tagsüber laufen lassen», mahnt Fallegger. «Weitere Feinde sind der Dachs sowie der Uhu. Beide können mit ihren langen Krallen einen eingerollten Igel aufrollen.»


Eines der ältesten Säugetiere

In der heutigen Form gibt es den Igel seit rund 35 Millionen Jahren. Er gehört damit zu den ältesten noch exisitierenden Säugetierformen. Der Igel war ein Zeitgenosse des Mammuts. Nahrung und Artgenossen findet er mit seinem hervorragenden Geruchssinn. Das Gehör ist ebenfalls ausgeprägt; der Igel kann Engerlinge im Boden fressen hören. Als gut ausgebildet erweist sich auch der Tastsinn, sein Sehvermögen ist hingegen nur mässig. «Und nicht erschrecken», lacht Willy Fallegger, «der Igel kann durchaus laute Geräusche von sich geben.»

12.03.2026 :: Beatrice Keck (keb)