Analoges Handwerk in der digitalen Welt

Analoges Handwerk in der digitalen Welt
Laila Luisi in ihrem Atelier – mit dem Malstock, auf den sie die pinselführende Hand abstützen kann. / Bild: Markus Zahno (maz)
Langnau: Laila Luisi pflegt das alte Handwerk der Schriftenmalerei. Sie gestaltet Reklamen nicht am Computer, sondern mit Pinsel und Farbe. Und hat Erfolg damit. Seit 20 Jahren.

Laila Luisis Weg war schon früh vorgezeichnet. Im wahrsten Sinn des Wortes: Wenn sie in der Schule einen Aufsatz schreiben sollte, verbrachte sie mehr Zeit mit dem Gestalten des Titels als mit dem Schreiben des Aufsatzes. So lag es auf der Hand, dass sie als 16-Jährige die Lehre zur Schriften- und Reklamegestalterin begann. «Der Beruf klang so malerisch», sagt sie. Aber der Alltag während der Lehre habe ganz anders ausgesehen: tagein, tagaus Folien kleben, in der Spritzkabine giftige Farben auftragen, irgendwelche Schilder montieren. «Es gefiel mir nicht. Ich wollte nach der Lehre nichts mehr mit diesem Beruf zu tun haben.»

Doch dann reiste sie nach Irland, später auch nach England. Dort konnte sie sich nicht satt sehen an den kunstvollen Schriftzügen an Hausfassaden, an den goldenen Beschriftungen der Schaufenster und Pubs, den aufwändig gestalteten Menütafeln der Restaurants. Alle von Hand gemalt. «Das war es, was ich machen wollte.»


Mehr als bloss Malen

Das macht Laila Luisi nun tatsächlich. In Langnau hat sie ihre eigene Firma Lettera et cetera aufgebaut. Das Atelier ist unweit vom Bärenplatz eingerichtet, im ehemaligen Fabrikationsgebäude von Sänger Leinen. Hier beschriftet und bemalt die 48-Jährige Werbetafeln, Schaufenster, Autos, Wegweiser, T-Shirts – alles Mögliche. Alles von Hand.

Im Atelier hängen verschiedene Arbeitsproben. Zum Beispiel eine schwarze Tafel, etwa 1,50 Meter hoch, die Laila Luisi für eine Bar gestaltet hat. Darauf werden Smoothies, frisch gepresster Orangensaft und eine «gesunde und feine Bowl» angepriesen. Die Schriften sind kunstvoll, die Illustrationen anmächelig: ein Smoothies-Glas, zwei saftige Orangenhälften, eine Müeslischale mit frischen Beeren, Cerealien und Nüssen.

Mehr als einen Tag hat Laila Luisi an dieser Tafel gearbeitet. Der kreative Prozess beginnt beim Gespräch mit dem Bar-Betreiber, der ihr seinen Wunsch, seine Philosophie erklärt. Dann nimmt Luisi ihr schwarzes Skizzenbuch hervor, bringt ihre Ideen mit Bleistift zu Papier, verfeinert sie, präsentiert sie dem Kunden. Wenn dieser zufrieden ist, geht es an die Umsetzung, ans Bemalen der Tafel. Ihre wichtigsten Utensilien sind Farbe, Pinsel und Malstock, auf den sie die pinselführende Hand abstützt und so besonders exakt arbeiten kann. Der Preis variiert je nach Aufwand; nebst detailreichen Arbeiten wie der «Smoothies»-Tafel übernimmt Luisi auch kleinere Aufträge, etwa wenn es gilt, eine kurzfristige Aktion geschmackvoll am Schaufenster anzuschreiben. Deshalb kann sie auch in der digital geprägten Welt von ihrem Beruf leben.


International vernetzt

Vor 20 Jahren gründete Laila Luisi ihre Firma. Ihre Tochter war damals drei Jahre alt, ihr Sohn noch nicht einmal jährig. Die Kinderbetreuung zu organisieren, erforderte Flexibilität. Doch je grössser und selbstständiger die Kinder wurden, desto grösser wurde auch ihr Atelier. «Zwischen Beruf und Familie zu jonglieren, war ein Spagat. Aber über alles gesehen darf ich zufrieden sein», sagt sie.

Als «Signpainter» – so die internationale Bezeichnung für ihren Beruf – ist Laila Luisi rund um den Globus vernetzt. Regelmässig gibt es internationale Treffen der Schriftenmalerinnen und -maler, wo sie Workshops besuchen und sich über ihr Handwerk unterhalten können. 2018, in London, nahm die Langnauerin erstmals daran teil. Sie strahlt übers ganze Gesicht, wenn sie davon erzählt.

Der Beruf von Laila Luisi und Co. ist eng mit der Kalligrafie verwandt, aber nicht mit ihr zu verwechseln. «Kalligrafen arbeiten mit klassischen Werkzeugen wie der Feder. Sie schreiben die Buchstaben in einem Zug vorwiegend auf Papier», erklärt Luisi. Im «Signpainting» dagegen werden die Buchstaben mit dem Pinsel meistens grösser und auf ganz unterschiedliche Untergründe aufgemalt.


Die freie Zeit genutzt

Von Hand Schriften kreieren – «Handlettering» – erlebte vor einigen Jahren in Amerika einen wahren Boom. Dieser schwappte auch nach Europa über. «Es ist ein meditatives Hobby. Viele Menschen haben das Bedürfnis, wieder etwas Analoges zu machen», sagt Laila Luisi. Deshalb begann sie vor einiger Zeit, Kurse anzubieten. Sie hatte Erfolg. Doch dann kam Corona: Das Kurs-Geschäft brach zusammen, für Laila Luisi fiel fast von einem Tag auf den andern ein wirtschaftliches Standbein weg.

Aufgegeben hat Laila Luisi deswegen nicht. Sie hat die freie Zeit für die eigene Weiterbildung genutzt, hat von einem englischen «Signpainter» viel über die Blattvergoldung gelernt. Das Wissen setzt sie nun in der täglichen Arbeit um, getreu dem Motto, das – in kunstvoller Schrift – neben ihrem Pult hängt: «Learn the Rules like a Pro. So you can break them like an Artist.» Lerne die Regeln wie ein Meister. Und breche sie dann wie ein Künstler.

09.02.2023 :: Markus Zahno (maz)