Eine Wurfsendung im Briefkasten - zwei Menschen kandidieren für den Grossen Rat des Kantons Bern. Eine Frau und ein
Mann, nicht im Wahlkreis Emmental. Beide haben ein ähnliches Profil. Beide stehen mitten im Leben, haben Familie,
Kinder, beide sind in ähnlichen Branchen tätig, beide sind Mitglied eines Gemeindeparlaments und engagieren sich in
Gremien und Kommissionen. Beim Mann haben diese vielfältigen Lebenserfahrungen Spuren im Gesicht hinterlassen.
Lachfältchen, ein offener, fast herausfordernder Ausdruck, dem Betrachtenden zugewandt. Ein Mann mit Charakter in
seinen mittleren Jahren. Die Frau blickt ebenfalls direkt in die Kamera. Ihr Gesicht ist makellos, ebenmässig, das
Lächeln zurückhaltend, fast scheu. Ihr Alter lässt sich nicht schätzen. Sie bleibt schemenhaft, wirkt unnahbar,
fast kühl. Sie zeigt nichts von sich. Wie kann es sein, dass sich im 21. Jahrhundert Frauen und Männer so
unterschiedlich präsentieren (müssen)? Dass eine Frau mit vielfältigen Engagements, Fähigkeiten und Interessen ihr
Gesicht nicht so zeigt, wie es ist? Dass sie es mit Make-up und Photoshop einem Schema anpasst, bis sie nur noch als
Typ erkennbar bleibt, nicht aber als lebendige Person mit Charakter und menschlicher Wärme? «Gott schuf den Menschen
nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie», steht im ersten
Schöpfungsbericht der Bibel (1. Mose 1,27). Welchen Bildern folgen wir? Den bis zur Unkenntlichkeit im Barbie-Stil
bearbeiteten Fotos auf sozialen Plattformen und in der Werbung? Oder dem einzigartigen Bild, das Gott in jeden und
jede von uns hineingelegt hat? Ich träume von einer Welt, in der Männer, Frauen Kinder, Erwachsene, Schwarze,
Weisse, Alte, Junge, alle ihr Gesicht zeigen, in die Kamera lachen und Gottes Ebenbild sein dürfen. «Und Gott sah
alles an, was er gemacht hatte, und sieh, es war sehr gut.» (1. Mose 1,31)