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Kilometer statt Gedanken machen
Kilometer statt Gedanken machen Langnau: Die Stiftung Intact beschäftigt in Langnau neben Sozialhilfeempfängern auch Asylbewerber. Diese sind froh um diese Beschäftigung. 
«Die Arbeit hier tut uns sehr gut», sagt Emahation Beyene in gebrochenem Deutsch. Sie lenke von den Gedanken an die Familie in Eritrea ab. Der Mann ist einer von vier eritreischen Asylbewerbern aus dem Asylzentrum in Schüpbach, die bei der Stiftung Intact in Langnau im Einsatz sind. Emahation Beyene hat soeben eine von rund dreissig täglichen Lieferungen mit Einkaufstaschen an den gewünschten Ort gebracht.

Froh um die Beschäftigung
Im Mai 2015 ist Emahation Beyene über den Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz gereist – seit Juni ist er in Langnau als Velokurier im Einsatz. Die Deutschkenntnisse, die sich der 33-Jährige in dieser Zeit angeeignet hat, sind daher bemerkenswert. «Schweizerdeutsch», sagt er, «ist aber sehr, sehr schwierig zu verstehen.» Sein Kollege, Okubazgi Mulugeta, pflichtet ihm lachend bei. Die Leute hier seien sehr nett, ergänzt er. Auch wenn er etwas weniger gut Deutsch spricht und erst seit einem Monat bei der Stiftung tätig ist, merkt man, dass auch er froh um seine Aufgabe ist.
Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Deutschkenntnisse sind Emahation Beyene und Okubazgi Mulugeta im Zulieferdienst eingeteilt, da sie unter anderem auch mit den Strassennamen zurechtkommen. Ihre beiden Landsleute sprechen noch nicht so gut Deutsch. Deren Aufgabe ist es daher, die Einkaufstaschen in den Läden abzuholen und zur Zentrale am Bahnhof zu bringen, von wo aus sie dann verteilt werden. Im Umgang untereinander wird spürbar, dass die Zusammenarbeit und das Miteinander unter all den Beschäftigten – Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber – gut funktioniert und auch beim Erlernen der Sprache unterstützen die Schweizer die Asylbewerber.

Vorgaben vom Migrationsamt

«Die Arbeit bei uns hilft den Asylbewerbern, sich zu integrieren», sagt Bülent Bulut. Er leitet seit Juni 2015 den Standort Langnau der Stiftung Intact und hat sich dafür eingesetzt, dass neu neben den Sozialhilfeempfängern auch Asylbewerber in ihr Programm aufgenommen werden. Seither waren neun Asylbewerber bei Intact im Einsatz. «Wir möchten gerne mehr Menschen mit diesem Aufenthaltsstatus helfen, sich zu integrieren. Allerdings sind uns zurzeit die Hände gebunden», erklärt er. Die Vorgaben für die Beschäftigung von Asylsuchenden kommen vom kantonalen Migrationsamt. 30’000 Stunden Arbeit pro Jahr kann die Stiftung Intact an Asylbewerber vergeben, die Entlöhnung ist ungefähr gleich hoch wie jene der Sozialhilfeempfänger und wird vom Migrationsamt übernommen. «Von den 30’000 Stunden bleiben uns im Standort Langnau 7500 Stunden. Das sind die vier Personen, die wir jetzt haben. Mehr geht nicht», erklärt der gebürtige Türke mit Schweizer Pass. «Zwei Frauen aus dem Asylzentrum in Schüpbach haben bereits darum gebeten, ihnen auch eine Aufgabe zu geben. Wir mussten sie leider ablehnen», erklärt er.
Hier aber will Bülent Bulut nun ansetzen. «Wir wollen wachsen. Wir wollen mehr Menschen helfen können, sich zu integrieren, aber auch, wieder an einen Arbeitsplatz zu kommen.» Damit spricht er von den Langzeitarbeitslosen, die von der Stiftung Intact beschäftigt werden. Sie können durch ihre Aufgabe wieder Verantwortung übernehmen, üben sich in Pünktlichkeit und eignen sich Pflichtbewusstsein und Organisationsfähigkeiten an. Zudem besuchen sie Bildungskurse, um wieder fit für einen Job zu werden. Zurzeit sind 19 Personen entweder wie die Asylsuchenden als Velokurier oder in der Velowerkstatt beziehungsweise beim «Recyc-
ling» (siehe Kasten) beschäftigt.

Ziel: 100 Personen beschäftigen

Weiter bietet die Stiftung den Dienst «Propr» an. Dazu zählen Reinigungs- und Gartenarbeiten, aber auch Umzüge oder Verpackungsarbeiten. «Besonders in diesem Bereich möchten wir wachsen», so Bülent Bulut. «Unser Ziel ist es, 75 Sozialhilfeempfänger und 25 Asylsuchende zu beschäftigen. Dafür brauchen wir zunächst mal genügend Aufträge. Dann werden wir bei den Sozialdiensten oder bei den Asylzentren anfragen, ob wir weitere Personen in der Stifung beschäftigen können.» Das Schöne sei, so Bulut, dass es genug Menschen gäbe, die arbeiten möchten. «Jetzt müssten nur noch genug Aufträge reinkommen, damit wir diesen Personen auch eine Aufgabe bieten  können.»
Immerhin können ab Januar 2016 zwei Personen mehr beschäftigt werden. Das ist schon mal ein Anfang. 
Velos für «Velafrica»
In der Velowerkstatt werden Velos demontiert und anschliessend an die Organisation «Velafrica» weitergeben, welche die Teile anschliessend für den Weitergebrauch nach Afrika liefert. Zudem werden Fahrräder, die von der Gemeinde oder der Polizei abgegeben werden, repariert und anschliessend zum Verkauf angeboten. Aufträge für Veloreparaturen von Privatpersonen werden nicht angenommen. «Wir wollen nicht das Geschäft der Velogaragen in Langnau konkurrieren», so Bulut. «Wir wollen den Menschen helfen, aber damit nicht anderen das Leben schwer machen.» 
14.01.2016 :: Cornelia Jost
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