Wildschweine besuchen das Emmental – bleiben sie als Dauergäste hier?

Trub: Seit April bevölkern Wildschweine das Emmental. Für die Jäger sind sie eine Bereicherung und eine Herausforderung zugleich. Im Kulturland richten sie mitunter auch Schaden an.
«Bereits im April gelangten die Wildschweine über Zollbrück nach Dürsrüti und dann ins Trub», berichtet Wildhüter Peter Siegenthaler. «Wahrscheinlich kamen sie vom Kanton Solothurn über die Wildbrücke zwischen Utzenstorf und Koppigen ins Emmental.» Dass sich das Schwarzwild so lange im oberen Emmental aufhält, hat Seltenheitswert. 1993 wurde ein Wildschwein in Langnau von einem Auto angefahren. Vor zwei Jahren hielten sich drei Tiere in der Gohl auf – eines von ihnen wurde erlegt, die andern suchten das Weite. Seither wurden keine mehr gesehen.
Wo’s Futter hat, bleiben sie gerne
Werden sich die neun in diesem Jahr gesichteten Wildschweine niederlassen oder befinden sie sich bloss auf der Durchreise? Seit April halten sie sich in der Gegend um Trub auf. «So lange sie hier genügend Futter finden und sie sich nicht gestört fühlen, werden sie sicher in der Gegend bleiben», sagt Peter Siegenthaler. Doch irgendwann könnten diese beiden Faktoren die Wildschweine zur Weiterreise animieren. Die Buchen- und Eichelmast, von welchen sich Wildschweine im Winter gerne ernähren, finden sie im Emmental nicht in reichlichem Masse. Und «gestört fühlen» müssten sie sich eigentlich schon seit mehreren Wochen. Seit Anfang August lauern ihnen nämlich die Jäger auf – bisher ohne Erfolg, wie der Wildhüter berichtet.
Ausserordentlich intelligente Tiere
Wildschweine zu jagen ist kein leichtes Unterfangen. In Fachbüchern ist zu lesen, dass ein Jäger im Schnitt 50 Stunden aufwenden muss, bis er schliesslich ein Tier erlegen kann. «Die Tiere sind ausserordentlich intelligent und anpassungsfähig. Zudem verfügen sie über einen exzellent ausgebildeten Geruchsinn», weiss Siegenthaler. «Wenn der Jäger nur einmal falsch im Wind sitzt, kommen sie nicht mehr vorbei.» Die meisten Emmentaler Jäger hätten noch nicht viel Erfahrung mit der Wildsaujagd. Für sie sei diese eine besondere Herausforderung.
Während die Jäger im August den Wildschweinen lediglich im so genannten Ansitz auflauern durften, ist seit September die «Drückjagd» erlaubt. Das heisst, einige Jäger streifen durch den Wald und treiben die Schweine dem oder den Kollegen vor die Flinte. Noch «einfacher» wird es ab Oktober, wenn die «laute Jagd» eröffnet ist. Dann dürfen die Jägerinnen und Jäger auch ihre Hunde einsetzen.
Schädlinge und Nützlinge
Während die Wildschweine für die Jäger eine Bereicherung darstellen, werden sie von den Landwirten als Schädlinge wahrgenommen. «Die Wildschweine wühlen nach Würmern und Engerlingen. Im Kulturland können sie dadurch zum Teil erheblichen Schaden anrichten», sagt Peter Siegenthaler. Auch in Getreide- und Maisfeldern bedienen sich die Gäste aus der Nordostschweiz. Es gehört zu den Aufgaben des Wildhüters, diese Schäden zu schätzen; sie werden den Bauern zu den Ansätzen der Hagelversicherung vergütet. Das Geld stammt aus dem von der Jägerschaft geäufneten Wildschadenfonds. Auch beim Wiederherstellen der durchwühlten Felder legen die Jäger auf Wunsch Hand an.
Peter Siegenthaler mag aber nicht nur von den Schäden reden, und ein echtes Problem seien die Wildschweine im Emmental bis jetzt noch nicht geworden. «Das Schwarzwild ist auch nützlich. Es lockert den Waldboden auf und erleichtert so den kleinen Pflanzen das Wachstum.»
Der Wildhüter rechnet nicht damit, dass die seltenen Gäste noch lange hier bleiben werden. «Spätestens wenn eine von ihnen erlegt wird, werden sie entweder zurückgehen oder weiterziehen», ist Peter Siegenthaler überzeugt.
10.09.2015 :: Jakob Hofstetter (jhk)