Das Ensemble der Bühne Amt Entlebuch drückt im aktuellen Stück komplexe Gefühle aus. / Bild: Beatrice Keck (keb)
Entlebuch: Mit «Santa Cruz» von Max Frisch hat sich die Bühne Amt Entlebuch an ein anspruchsvolles Stück gewagt. Die Umsetzung des eindringlichen Dramas wirkt originell und gekonnt.
«Ich soll arbeiten, damit ich leben kann – oder damit ich zumindest meine, dass ich lebe», sinniert der Vagabund und Lebenskünstler Pelegrin im Drama «Santa Cruz» von Max Frisch. Weil er genau dies eben nicht will, ist er zeitlebens ungebunden als Kapitän in der Weltgeschichte herumgereist. Einen festen Wohnsitz hatte er nie, dafür weiss er viele exotische Geschichten zu erzählen. Diese unplanbare Unabhängigkeit bedeutet für ihn «wahres Leben».
Nun trifft Pelegrin in einem tief verschneiten Dorf nach 17 Jahren wieder auf Elvira und ihren heutigen Gatten, den Rittmeister. Elvira und Pelegrin waren einst ein Liebespaar. Die beiden mussten aber erkennen, dass ihre jeweiligen Vorstellungen eines wahren, echten Lebens diametral auseinandergingen. Während Elvira von einem sicheren Zuhause träumte, zog Pelegrin das ungewisse Abenteuer vor. So heiratete Elvira den reichen, vorhersehbaren Rittmeister und führte mit ihm ein beschauliches Leben. «Was erlebt denn unsereins schon in einer Woche», beschreibt
der resigniert wirkende Rittmeister ihr gemeinsames Leben. «Routine, bis schliesslich alles aufhört, sogar die Pflichten werden aufhören.»
Die Begegnung mit Pelegrin lässt im Rittmeister alte, verschüttete Sehnsüchte wachsen: «Ich möchte wissen, was ich alles nicht erlebt habe.» Und Elvira gesteht, dass sie seit 17 Jahren jede Nacht vom verpassten Leben mit dem wilden Pelegrin geträumt habe.
Das nicht gelebte Leben
«Santa Cruz» ist das erste Theaterstück von Max Frisch. Er hat es 1944 mit 34 Jahren verfasst. Darin geht es um die Thematik des nicht gelebten Lebens; während man sich für etwas entscheidet, heisst das gleichzeitig, dass man etwas anderes fallen lassen muss, es nicht leben kann. «Ich will alles richtig machen – aber was, wenn es kein Richtig gibt?»
In einem Wechselspiel zwischen Realität und Traum schwanken die Protagonisten im Stück zwischen Sehnsucht, Wunsch und gelebter Wirklichkeit: «Ich möchte noch einmal richtig leben, lachen, jauchzen, weinen. Spüren, was für ein Glück es ist, zu leben, bevor es uns für immer einschneit.» Die innere Zerrissenheit zwischen Pflicht und Verlangen wird deutlich. Was mache ich aus echter Überzeugung, wo betrüge ich mich selber, wie viel Sicherheit brauche ich? Fragen, die sich jeder selber stellen sollte.
Erstaunliche Darbietung
Regie für die Aufführungen der Bühne Amt Entlebuch führen Annina Dullin und Anne-Sophie Menta. Für Kostüme und Bühnenbild zeichnen Nina Steinemann, für die Musik und Chorleitung Christov Rolla, für das Licht Martin Brun und für die Maske Hanni Nievergelt verantwortlich. Das Ensemble setzt sich aus 15 Laienschauspielerinnen und -schauspielern, die einmal mehr Erstaunliches darbieten, zusammen.
Bis am 27. Juni zeigt die Bühne Amt Entlebuch das anspruchsvolle Drama von Max Frisch noch in zwölf Aufführungen. Sie setzt das zeitlose Stück rund um existenzielle Fragen überzeugend und originell um. Der aussergewöhnliche Spielort, die alte Schür auf Heiligkreuz, wird dabei auf überraschende Weise in das Spiel miteinbezogen.