In der Ausstellung sind Porträtfotos von Menschen zu sehen, die mit traumatischen Erfahrungen leben. Das rechte Bild zeigt die Ausstellungsmacherin Karin Walter, denn auch sie ist eine Betroffene. / Bild: Regine Gerber (reg)
Sumiswald: Fotografien, Plastiken und Masken erzählen in einer Ausstellung vom Leben mit Trauma. Die Mitwirkenden wollen ein gesellschaftliches Tabu brechen.
Schwarz-weisse, grossformatige Fotografien zeigen Gesichter aus nächster Nähe. Eine Frau schaut mit weit aufgerissenen Augen schmerzerfüllt in den Raum. Ein Mann stützt den Kopf auf die Hand und blickt zu Boden. Darunter hängen Zettel mit einzelnen Sätzen. «Wir sind Überlebende, starke, feinfühlige Lebenskünstler und wir sind viele», steht auf einem. Die Werke dieser Ausstellung berühren. Man spürt, dass ihnen schwere Geschichten zugrunde liegen. Doch worum es genau geht, erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Man muss sich einen eigenen Zugang suchen.
Heute ist Karin Walter vor Ort. Sie ist Künstlerin und Initiatorin der Ausstellung, die im Schloss Sumiswald gezeigt wird. Elf weitere Personen haben am Projekt mitgewirkt, gestaltet und sich fotografieren lassen. Alle zwölf Beteiligten, inklusive der Ausstellungsmacherin, leben mit komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, etwa infolge von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung. «Mit dieser Ausstellung wollen wir Gesicht zeigen, das Tabu brechen und sensibilisieren», sagt Karin Walter.
Kunst als Ausdruck von Trauma
Jede Person ist nicht nur in einem Porträt dargestellt, sondern auch in einer künstlerisch inszenierten Aufnahme. Auf einem Bild ist eine Frau tief in ihren Mantel versunken, als möchte sie sich vor allem Leid schützen. Die Bilder deuten Geschichten an, ohne diese zu erzählen.
Sechs der Beteiligten haben Plastiken gestaltet. Ausgangspunkt war jeweils ein Kartonrohr, das sie bemalt, beschrieben, beklebt und erweitert haben. Eine Arbeit zeigt einen auf das Rohr modellierten Kopf mit schwarzen, wirren Haaren. Unten ragen unzählige zusammengerollte Zettelchen heraus. Besucherinnen und Besucher können sie herausziehen. «Wann scheint mal wieder die Sonne?», steht auf einem. Und auf einem anderen: «Hab ich einen Wert und woran wird er gemessen?».
Eine Büste ist beklebt mit Schnipseln von Zeitungsartikeln über sexuellen Missbrauch.
Ein Projekt, das Mut kostet
Die Balance zu finden zwischen Ehrlichkeit und der Frage, wie viel gezeigt werden kann, sei bei der Arbeit eine der grössten Herausforderungen gewesen, erzählt Karin Walter. Auch für sie selbst: «Ich habe immer wieder Pausen vom Projekt gebraucht.» Den anderen Beteiligten habe sie zugesichert, dass sie jederzeit aussteigen könnten. Geblieben seien schliesslich alle.
«Ich bin stolz auf uns alle», sagt die Künstlerin. «Es braucht sehr viel Mut, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen.» Möglich werde es wohl erst, sagt sie, «wenn die Kraft des Heilungsprozesses überwiegt». Trotzdem gebe es auch Teile ihrer eigenen Geschichte, die sie bewusst ausklammere.
Hinschauen statt schweigen
Die Ausstellung bedrückt. «Wir wollen nicht schockieren», sagt Karin Walter, aber es müsse darüber gesprochen werden. «Weil Gewalt und sexueller Missbrauch so viele Menschen betreffen, sind Erfahrungen mit Trauma nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu.»
Das hat sich auch bei einer Aktion im öffentlichen Raum gezeigt, von welcher ebenfalls Fotos zu sehen sind. Mit übergrossen von Karin Walter gestalteten Textilmasken haben sich die Mitwirkenden in einer Stadt unter die Leute gemischt, «um aus dem Schatten zu treten.» Wie haben die Menschen reagiert? «Erstaunlich viele haben uns angesprochen», erzählt Karin Walter. «Aber sobald sie hörten, dass es um Trauma geht, gingen sie auch schnell wieder weg.»
Und welche Reaktion wünscht sich die Ausstellungsmacherin nun von den Besucherinnen und Besuchern? «Eigentlich nur, dass sie das nächste Mal hinschauen, wenn sie ein seltsames Gefühl haben oder ahnen, dass etwas nicht stimmt», sagt sie. Das, was in ihrer eigenen Kindheit niemand getan hat.