Endlich kann Sina Siegenthaler jubeln

Endlich kann Sina Siegenthaler jubeln
Das Bild Sekunden nach Sina Siegenthalers Zieleinfahrt spricht Bände. / Bild: zvg
Snowboard: Die Schangnauerin Sina Siegenthaler feiert ihren ersten Weltcupsieg. Damit krönt sie eine emotionale Woche, in der sie zunächst nicht wusste, ob sie überhaupt starten kann.

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Das Bild, wie sich Sina Siegenthaler an den Kopf fasst, wie
sie mit einer Mischung aus Freude und Ungläubigkeit zu ihren Konkurrentinnen blickt – es gibt nichts, das ihre Emotionen in diesem Moment besser zusammenfassen könnte. Entstanden ist das Bild am Snowboardcross-Weltcup im italienischen Cervinia, Sekunden, nachdem Siegenthaler im Final durch das Ziel gefahren ist. Die 23-jährige Schangnauerin feierte am Samstag ihren ersten Sieg im Weltcup – und den ersten Sieg für die Schweizer Snowboardcross-Frauen seit 2009. Tags darauf fuhr sie im Team-Wettbewerb zusammen mit Kalle Koblet gleich nochmals aufs Podest: Die Schweiz wurde hinter Italien und Frankreich Dritte.


Ein Auf und Ab

Damit ging für Sina Siegenthaler eine Woche zu Ende, in der sie die ganze Bandbreite der Emotionen erlebt hat. Oder wie sie selber sagt: «Es war mentaler Horror.» Nachdem sie Anfang Monat bei einem Trainingslauf einen Schlag erhielt, hatte sie wieder Schmerzen im linken Knie, an dem sie sich vor einiger Zeit verletzt hatte. Sie habe keine Ahnung, ob es Sinn mache, nach Cervinia ans Rennen zu reisen, erklärte sie am Montagmittag. Schliesslich ging sie. Am Mittwoch stand sie in Cervinia auf dem Schnee und «spürte, dass es geht». Obwohl sie auch noch erkältet war, fasste sie wieder Zuversicht. Im Rennen dann rollte sie sowohl im Viertel- und im Halbfinal wie auch im Final das Feld jeweils von hinten auf und fuhr jedes Mal als erstes über die Ziellinie. «Ich bin immer noch voller Emotionen», sagt Siegenthaler am Montag danach. «Es tut so verdammt gut.»


Cervinia – ein gutes Pflaster

Um Siegenthalers Emotionen zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen. Nachdem sie lange von grösseren Verletzungen verschont geblieben war, verpasste sie die ganze Saison 2020?/?21 wegen Pfeifferschem Drüsenfieber, zog sich letztes Jahr eine Knieverletzung zu, kämpfte sich zurück, ehe sie eine Verletzung am linken Sprunggelenk in diesem Frühjahr abermals zurückwarf. Im Mentaltraining habe sie oft über die Frage nachgedacht: «Wie möchte ich mich beim Snowboarden fühlen?», erzählt Sina Siegenthaler. Dabei seien ihr stets die positiven Emotionen in den Sinn gekommen, die sie 2018 bei ihrem Debüt im Weltcup erlebt habe. Ebenfalls in Cervinia. «Ich war damals unbeschwert, fuhr gleich auf den fünften Rang.» Dieses Gefühl der Unbeschwertheit habe sie seither nie mehr erlebt. «Dass sich nun in Cervinia der Kreis wieder geschlossen hat, ist unglaublich», sagt Siegenthaler.


Verarbeiten, auftanken, trainieren

Sie sei mit Gefühl gefahren, habe «nicht zu sehr den Kopf eingeschaltet», erklärt die Athletin des Skiclubs Schangnau. Nach dem Sieg am Samstag habe sie unzählige Nachrichten erhalten. «Viele Leute haben mir geschrieben: ‹Lass dich feiern, geniess´ die Party!›» Doch dazu kam sie nicht, lieber widmete sie sich der Videoanalyse und bereitete sich auf den Team-Wettbewerb vom Sonntag vor. Nach diesem habe sie möglichst rasch nach Hause gewollt. «Der Sieg kam so unerwartet – ich brauche nun etwas Zeit, um das Ganze zu verarbeiten.» Diese Woche steht hauptsächlich

im Zeichen der Erholung. Die Altjahrswoche verbringt Sina Siegenthaler mit ihrem Freund beim Splitboarden, Langlaufen oder sonstwo in der Natur. Anfang Januar stehen wieder Trainings mit dem Snowboard-Team auf dem Programm. Und das nächste Weltcuprennen findet Ende Januar in St. Moritz statt.

21.12.2023 :: Markus Zahno (maz)