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Gipfelbuchzeilen

«Traumhafter Aufstieg! Wieder mal solo. Obschon mich der
Nebel am Morgen noch einhüllte, sitze ich nun an der Sonne auf dem Gipfel – Hammer Panorama! 21. Juli 2022.» – «JO Bachtel am 14. Juni 2021: Coole Tour, danke Melanie! Wir sind den wenig begangenen und etwas brüchigen Westgrat hoch gekommen. Trockener Fels, sehr exponiert, aber belohnt von der traumhaften Aussicht – bis zum Matterhorn! Mir gö gäng! D Frauepowertruppe.» – «29. Juni 2019: Alle Jahre wieder – in Gedenken an meinen treuen Bergfreund Reinhard, mit dem ich das erste Mal hier oben war. Du bist auch heute dabei! Die Schlüsselstelle ist immer noch gleich luftig – und der Cassislikör auch zu süss. Nichts für dich – trotzdem: Prost Reini!» ­– «Heisse Grüsse vom Himmelszelt an meine kleine Bergdohle. Eines Tages ewig und alles mit dir! Dein Steinadler.» 


«Schreibst du etwas oder soll ich?» Fragt mich mein Bergfreund. Eigentlich ist es meine Aufgabe zu schreiben, das war schon immer so. Doch die Frage kommt jedes Mal. Sie gehört dazu, wie die Karabiner, Schlingen, Keile, die ihren festen Platz am Klettergurt haben. Und wie jedes Mal steht mein Bergfreund neben mir, den Deckel der zerbeulten Blechbüchse in der Hand, die das Gipfelbuch schützt. Ich lese die Einträge: Wie einzelne Punkte und Kommas, Ausrufezeichen und Fragezeichen in der Grammatik der Geschichten verschiedenster Menschen. Lebensspuren, die hier oben für einen kurzen Moment in einem vergilbten Gipfelbuch zusammenkommen. Die einen kurzen Moment Einblick geben - und sich nachher verlaufen wie einzelne Schriftzeilen, die trotz Plastiktüte und Blechschutz vom eindringenden Wasser von den Seitenrändern des Buches weggeschwemmt werden. Ja, was soll ich schreiben? Wie immer bin ich hin – und hergerissen zwischen poetischer Originalität und felsiger Nüchternheit. Und dann schreibe ich, was ich immer schreibe und die verschiedenen Gipfelbuchzeilen vielleicht alle meinen: Danke! 

25.08.2022 :: Patrizia Weigl-Schatzmann