Jeder Weideübergang ist ein Unikat

Jeder Weideübergang ist ein Unikat
Die Konstruktionen sind höchst unterschiedlich, haben aber denselben Zweck: Sie sollen Menschen durchlassen und das Vieh zurückhalten. / Bild: zvg
Langnau: Wanderlustige kennen sie: Die Weidedurchgänge, die bei Zäunen zu finden sind. Dabei gibt es zig verschiedene Konstruktionen. Lorenz Scheidegger hat viele fotografiert.

Lorenz Scheidegger wanderte vor rund 15 Jahren an einem Tag rund um den Hohgant. Er verbrachte damals die Ferien und manches Wochenende mit seiner Familie in einem Wohnmobil in Bumbach. Noch heute schwärmt Scheidegger von der Wanderung, alle Abschnitte seien landschaftlich einmalig und die Sicht auf den Hohgant von jedem Winkel aus grossartig. Auf der abwechslungsreichen Route habe er unzählige Alpweiden durchquert. Da seien ihm die Übergänge aufgefallen, berichtet Scheidegger. Er vermeidet die Bezeichnung Viehgatter, er nennt sie respektvoll Übergänge. Für diese Art von Portal gebe es keine Standards, erklärt er. Die meisten Türchen oder Tore seien Eigenkonstruktionen. Ob aus Eisen, Draht oder Holz, ob solide und technisch raffiniert oder eine instabile, windschiefe Bastelei, jeder einzelne Übergang sei ein Unikat. 


Immer offene Augen 

Und doch dienen alle Übergänge demselben Zweck: Sie sollen bei Wind und Wetter das Vieh zurückhalten. Den Menschen hingegen sollen sie das Weiterwandern ermöglichen, und zwar ohne grössere Umstände oder Zeitverluste. Scheidegger arbeitet als Betriebselektriker in einem Spital, er hat ein Auge für technische Kon-strukte. Im Handel, sagt er, gäbe es vorgefertigte Tore zu kaufen, aber die meisten Bauern verwendeten Materialien, die sie gerade zur Hand hätten, und formten daraus ein Ding, das den Zweck erfülle. Auf der Strecke um den Hohgant kam er auf die Idee, den einen oder anderen Übergang zu fotografieren, und auf seiner nächsten Tour zog er an einer Stelle sein Handy aus der Tasche, bat seine Wanderfreunde, aus dem Bild zu treten, und fotografierte ein originelles Türchen. Gleich darauf knipste er den nächsten Übergang, auch den übernächsten, und von da an praktisch jeden, den er antraf. Anfangs murrten seine Freunde, aber bald gewöhnten sie sich daran. Wenn er heute mit ihnen unterwegs sei – im Emmental, im Berner Oberland, im Wallis, egal auf welcher Alp – würden sie ihn sogar auf ein Motiv aufmerksam machen. 


35 Bilder ausgestellt

Zuhause betrachtete er die Fotos am Computer. In der Serie traten die Besonderheiten noch stärker hervor. Etwas enttäuscht war er von der Bildqualität. Er wolle die Fotos nicht nachbearbeiten, sagt Scheidegger, deshalb habe er ein Handy mit einer ausgezeichneten Kamerafunktion gekauft. 

Hanspeter Buholzer wurde unlängst auf Scheidegger und seine Fotos aufmerksam. Er ermunterte ihn, eine Auswahl zu treffen, machte Abzüge davon und fasste sie in Bilderrahmen. Jetzt hangen 35 Bilder im Langnauer Gemeindehaus im Treppenhaus und können bis zum 30. September bewundert werden.

21.07.2022 :: Gabriel Anwander (agl)