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Mal so, mal so

Kennen Sie den steifhaarigen Löwenzahn? Das ist nicht jener, welcher im frühen Frühling ganze Matten gelb färbt und die lustigen Pusteblumen macht, sondern ein unscheinbarer Verwandter von ihm. Sicher sind Sie auf einem Rasen oder in einer Wiese schon auf ihn gestossen. Aber womöglich haben Sie ihn gar nicht bewusst wahrgenommen. Ich jedenfalls musste seinen Namen erst googeln. Ich habe mich nämlich neulich beim Mähen über ihn aufgeregt. Mit seinen haarigen Blättern bildet er knapp über der Erdoberfläche eine dichte Rosette. Diese bedeckt den Boden rund um die Pflanze so satt, dass rund um sie herum kein Grashalm wächst. Das ist nicht gut fürs Heu. So ein Schmarotzer, habe ich mir gedacht. Macht sich rotzfrech auf Kosten anderer breit, nur um dereinst sein gelbes Köpfchen ungestört der Sonne aussetzen zu können. 

Sofort sind mir Bilder durch den Kopf geschossen von Menschen, die sich genauso verhalten: breitbeinige, die Hände in die Hüfte stemmende, ellbögelnde, unverhohlen die Sicht versperrende, unnötig Ressourcen vergeudende, rücksichtslose und ganz auf sich bezogene Zeitgenossen. Sich auf Kosten anderer breit machen – manche können das sehr gut. Wie der steifhaarige Löwenzahn. Er wurde mir zum Sinnbild für Menschen, über die ich mich masslos aufrege. Wie ich so den Ärger in mir pflegte, änderte sich unmerklich mein Blickwinkel. Ich begann mich dafür zu interessieren, was der steifhaarige Löwenzahn braucht, um zu leben. Er verdrängt ja bloss, wo er bedrängt wird. Das Gras rund um ihn herum wächst viel schneller und höher, als er es kann. Wo käme er hin, wenn er das einfach so hinnehmen würde? Wenn er geschehen lassen würde, ohne sich seinen Platz zu nehmen? Ihm würde die Sonne verdeckt und die Luft abgeschnürt. Er braucht seine Rosette, damit nicht Gras und Kraut ihn ersticken. Er hätte keine Lebensgrundlage, wenn er sich nicht ein bisschen breit machen würde. Für ihn ist mein wertvolles Heu eine Bedrohung. 

So schossen mir alsbald Bilder durch den Kopf von Menschen, die sich nicht trauen, sich zu wehren. Die sich an die Wand fahren lassen. Die immer nachgeben, weil ihnen eingeimpft wurde, dass ihre Bedürfnisse nichts gelten. Die keinen Mucks machen und alles mit sich geschehen lassen. Solche Menschen könnten sich an unserem haarigen Kerl ein Vorbild nehmen. Mal etwas mehr auf sich selbst bezogen sein und wenn nötig die Ellbogen ausfahren. Für die eigenen Lebensgrundlagen einstehen. Wie der steifhaarige Löwenzahn.

09.06.2022 :: Lukas Fries-Schmid