Ein Hauch Fernost

Ein Hauch Fernost
Bald wird sich der japanische Garten in Escholzmatt wieder von seiner farbigsten Seite zeigen. / Bild: zvg
Escholzmatt: Der Kräutergarten «Teruko Yokoi» in Escholzmatt existiert seit 2016. Wie sieht der Garten aus und wer schaut zu ihm?

Kahl und leer präsentierte sich der Erdboden bei unserem Besuch. Grün war einzig die Bonsai-Waldföhre beim Eingang. Der kunstvoll geschnittene und niedrig gewachsene Nadelbaum erinnert an die fernöstliche Kultur der schweizerisch-japanischen Kunstmalerin Teruko Yokoi (1924–2020), die den Garten bei der Kirche Escholzmatt mit einer Spende ermöglicht hat. 


Alles fliesst

Die Künstlerin, die in Japan in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs, hat angeregt, statt gerade Linien fliessende Formen zu verwenden. Der Aufbau des Gartens ist dank der fehlenden Vegetation deutlich zu erkennen: Die Wege schlängeln sich durch den Garten, die Beete tragen organische Formen und der Bonsai wächst nicht im Boden, sondern wortwörtlich in einer Schale (bon = Schale; sai = Pflanze).

Josefine und Florian Aeschlimann von der Firma Aeschlimann Gartenbau GmbH, welche den Garten gebaut haben und betreuen, haben versucht, den Plänen der Künstlerin gerecht zu werden. Nachdem sie das abschüssige Bord gerodet hatten, begannen sie, den Abhang zu terrassieren. Sie legten Stufen an, so dass der Garten fast ein wenig einem kleinen Amphitheater gleicht. Neben der Treppe bauten sie einen breiten Plattenweg, der vom benachbarten Schulhausareal seitwärts in den Garten führt. Schliesslich legten sie im untersten Teil einen Kiesweg an, der zum Spazieren einlädt. Keine einzige gerade Linie und kein rechter Winkel ist auszumachen. Wege, Beete und Stufen scheinen ineinander überzufliessen – typisch für einen japanischen Garten. 

Nach dem Bau folgte die Bepflanzung. Wie ein Fixstern steht der Bonsai-Baum am obersten Punkt des Gartens, eingerahmt von der Grauen Heiligenblume und dem Mönchspfeffer. Ein paar Stufen weiter nehmen Koriander und Currykraut den exotischen Faden auf. Im untersten Beet, dort, wo es am flachsten ist, wachsen bekannte Kräuter wie Ysop, Schwarze Stockrosen, Schnittlauch, Zitronenmelisse und Thymian. Goldoregano, Lavendel, Wacholder und Eselsdisteln gedeihen oberhalb der Trockenmauern im Osten des Gartens. Bergamotte-Minze, Pfefferminze, Orangenminze, Malve, Echtes Mädesüss, Hopfen, Engelwurz und Blaue Himmels- oder Jakobsleiter bilden die Grenzlinie im Westen. 

Sträucher wie Liguster, Felsenbirne, Stechpalme und Schwarzer Holunder schirmen den Garten gegen Süden ab. Hier führt der Plattenweg auf das Areal des Pfarrhauses hinaus, vorbei an ein paar Schwertlilien. Wegen der Jahreszeit ist noch fast keine Pflanze zu sehen, doch unzählige Schrifttäfelchen geben Kunde von der kommenden Pracht und erklären, wofür die Pflanzen gut sind und wofür sie verwendet werden können; von der Bonsai-Waldföhre heisst es, sie sei ein Heilmittel gegen Erkältungskrankheiten.

 

Grosser Kräuter- und Wildpflanzenmarkt

Warum baute man einen Kräutergarten an? Zu der poetischen Malerei von Teruko Yokoi hätte auch ein Mohnblumenfeld gepasst. Oder ein japanischer Garten mit geharktem Kies, plätscherndem Wasser und Azaleen und Rhododendren. Josefine Aeschlimann winkt ab. «Die Idee des Kräutergartens entstand in Zusammenarbeit mit der Künstlerin, die aus dem Erlös einer Ausstellung ein nachhaltiges Projekt finanzieren wollte. Oscar A. Kambly, ein Freund von ihr, nahm Kontakt mit der Unesco Biosphäre Entlebuch auf.» In Anlehnung an den beliebten Kräuter- und Wildpflanzenmarkt, der jedes Jahr auf dem Dorfplatz in Escholzmatt stattfindet, beschloss man, auf dem benachbarten Areal einen Kräutergarten anzulegen. Ein Verein wurde gegründet, der sich sowohl um den Markt als auch um den Unterhalt des Gartens kümmert. «Teruko Yokoi begrüsste das Projekt. 2020 kam sie ein letztes Mal den Kräutergarten besuchen», erklärt Josefine Aeschlimann.


Emotional berühren 

Die gelernte Floristin und Gärtnerin, die an der Bäuerinnenschule in Sursee Gartenbau unterrichtet, bietet auch Führungen an. Auf dem Rundgang durch den Kräutergarten lernen die Besucherinnen 15 bis 20 Pflanzen kennen. Der Kursleiterin ist es wichtig, ein sinnliches Erlebnis zu vermitteln. So werden die Kräuter nicht nur angeschaut, sondern auch gerochen und in den Mund genommen. Josefine Aeschlimann möchte die Leute für einen Moment in eine andere Welt eintauchen lassen. Mit Blick auf den noch kargen Garten rät uns die Fachfrau zum Schluss: «Kommen Sie in ein paar Wochen wieder! Die beste Zeit, den Schaugarten zu besuchen, ist von Mitte Mai bis Oktober.» 

05.05.2022 :: Bettina Haldemann (bhl)