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Eine Emanzipationsgeschichte

Die sagenhafte Paradiesgeschichte aus der hebräischen Bibel wurde zu allen Zeiten erzählt und gedeutet. Leider geschah dies lange Zeit mit der Absicht, sowohl das weibliche Geschlecht als auch die Sexualität abzuwerten. Um diese fatalen Entwicklungen aufzuzeigen, müsste man ein Buch schreiben. Mich interessiert hier vielmehr die Frage, was Adam und Eva mit dem Biss in die Frucht gewinnen. Gott verbietet ihnen in der Geschichte, vom «Baum der Erkenntnis von Gut und Böse» zu essen. Sie tun es trotzdem. Dadurch erlangen sie die Fähigkeit, zu wissen, zu verstehen, zu erkennen. Aber der Preis dafür ist hoch, sie werden zu sterblichen Wesen. Zum menschlichen Leben gehört fortan Begrenzung. Trotzdem lese ich die Paradiesgeschichte nicht als Zerfallsgeschichte, sondern als Emanzipationsgeschichte – inspiriert vom Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Er schreibt in einem Essay: «Es ist die Geschichte von der Menschwerdung, der Mensch als emanzipiertes Wesen, und der Schritt in die Emanzipation ist auch der Schritt über Grenzen.» Sofort kommt mir die Pubertät in den Sinn. Ein Kind, das viele Jahre von seinen Eltern aufgezogen und beschützt worden ist, wird flügge. Es muss sich losstrampeln von seinen engsten Begleiterinnen und Begleitern. Es muss sein Leben selber in die Hand nehmen. Und ja, fast alle Heranwachsenden überschreiten dabei Grenzen. Die Selbständigkeit ist kaum zu haben, ohne dass es manchmal knallt, schallt und grollt. Aber es muss so sein. Kinder müssen zu selbständigen Erwachsenen werden. Oder zurück zu Adam und Eva: Es war ihre Bestimmung, die menschliche Emanzipation anzustossen. Noch einmal Peter Bichsel: «Ich bin der Eva zutiefst dankbar dafür, dass sie mich [...] in dieses Leben hineingeboren hat. Es ist mir – Entschuldigung – mehr wert als ein ewiges Leben im
Paradies.»

09.12.2021 :: Susanne Kühni (ksl)