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Unsere Welt hat Zukunft

Es gibt uns schwarz und rot, braun und gelb. Es gibt uns klein und gross. Wir sind praktisch überall. In tausendfacher Ausführung. Wir bilden ganze Staaten und inzwischen wachsen unsere Staaten scheinbar mehr und mehr zusammen zu ganzen Staatenverbünden und Netzwerken. Wir sind rasant auf dem Vormarsch.
Jedenfalls denkt das unser Gärtner. Die einen von uns siedeln im weichen Waldboden, die anderen auf dem Rasen, die dritten zwischen den Halmen in der Wiese. Jedes Mal, wenn der Gärtner mit der Sense in eines unserer Häufchen schneidet und die Erde über die Klinge knirscht, ärgert er sich wieder. Er kann unser Nest zertrampeln, wie er will, ein paar Tage später sind wir wieder da. Wir profitieren von jedem Saum, bei dem er das Gras in die Höhe wachsen lässt. Den Grashalmen entlang bauen auch wir in die Höhe, gut versteckt im
Dickicht des Ungemähten. Und will er dann später den Saum doch schneiden, haben wir uns längst ausgebreitet und seine Klinge wird abermals stumpf. Oder die Kinder: Sie schreien jedes Mal auf, wenn eine von uns sie piekst. Und das machen wir oft, wenn sie ihr Zelt wieder über eines unserer Nester spannen und darin schlafen wollen. Kaum legen sie sich nieder, sind wir da. Und wir sind überall. Zack, ein Biss, und schon juckt es. Pech gehabt. So werden wir die Kinder und ihr Zelt wieder los. Sie uns aber nicht. Und erst die Frau des Gärtners. Ihre zarten Setzlinge sind so voller Blattläuse bei diesem feuchten Wetter. Ein Eldorado für uns. Wir melken, was das Zeug hält. So hat die arme Frau keine Chance, die kleinen Läuse wieder loszuwerden. Wir sind wirklich überall: Im Gewächshaus und im Folientunnel. Auf der Spielwiese und in der Obstplantage. Auf dem Schotterrasen und unter den Steinplatten. Auf dem Sitzplatz, neben dem Sitzplatz und unter dem Sitzplatz. Im Gemüsegarten, neben dem Gemüsegarten, rund um den Gemüsegarten und überhaupt. Wir schleichen uns die Hosenbeine hoch und tauchen im Hemd auf. Wir schlüpfen zwischen die Zehen nackter Füsse in Flipflops. Wir haben in den letzten Jahren dermassen zugelegt, dass der Schluss naheliegt: Uns gehört die Welt. Solltet ihr Zweibeiner mal nicht mehr da sein – und ihr unternehmt ja einiges, damit das bald Wirklichkeit werden wird: Seid gewiss, wir sind bereit. Kein Regenguss kann uns so schnell vergraulen. Ob gelb-braun, schwarz-grau oder rot: Uns kriegt ihr nicht mehr tot. Wir breiten uns aus, stetig und leise – ein krabbeliger Gruss von einer Ameise.

05.08.2021 :: Lukas Fries-Schmid