Der Forstpolizist geht in Pension

Der Forstpolizist geht in Pension
Bald geht Ronald Bill in Pension. Der «Forstpolizist» stellt einen starken Wandel in der Nutzung der Wälder fest. / Bild: Sandra Joder (sjw)
Emmental: Gewaltige Stürme und veränderte Ansprüche an den Wald prägten seine Arbeit. Nun geht Ronald Bill, stellvertretender Leiter der Waldabteilung Voralpen, in Pension.

Noch rund zehn Tage arbeitet Ronald Bill als Bereichsleiter Waldrecht sowie stellvertretender Leiter der Waldabteilung Voralpen. Dann, just an seinem 65. Geburtstag, wird er pensioniert.   


Herr Bill, was liegt noch auf Ihrem Schreibtisch?

Zahlreiche Dossiers. Es wird nicht möglich sein, meinem Nachfolger nur abgeschlossene Akten zu übergeben. Es gelangen sehr viele Gesuche und Anfragen an uns – zu Corona-Zeiten hatten die Leute Zeit. Zudem ist die Waldnutzung in Kritik geraten.


Was sorgt für Kritik?

Einerseits ist der Holzschlag ein anderer geworden. Die schmalen Waldwege genügen den breiten Forstmaschinen nicht mehr. Der Kostendruck auf die Waldeigentümer ist gross. Die Erklärungen des Forstdienstes dringen kaum durch. Neben den üblichen Baugesuchen und Ortsplanungen überrollt uns seit Corona der Bike-Betrieb im Wald. Generell ist die Erholungsnutzung der Wälder gewaltig gestiegen. Zum Teil ist das nachvollziehbar; ich möchte auch nicht tagelang nur im Homeoffice sitzen. 


Wandern und Biken…?

…Orientierungslauf, Vita Parcours, Hundeschulen, Joggen, unerlaubterweise Motocross, Veranstaltungen und Festivals, Geo-Caching – Mittlerweile herrscht in den Wäldern fast ein 24-Stunden-Betrieb. 


Das bringt Sie als «Forstpolizist» auf den Plan. Stört Sie dieser Titel?

Nein, überhaupt nicht. Es war meine Aufgabe, mich für die Walderhaltung und damit einen nachhaltig genutzten und gesunden Wald einzusetzen. 


Was gehörte alles dazu?

Bewilligungen in verschiedener Hinsicht: Wenn Gebäude im Waldabstand oder im Wald gebaut werden, bei Rodungen, bei Veranstaltungen im Wald; Waldgrenzen beurteilen, bei Fahrverboten. Um diese Aufgaben zu erfüllen, arbeitete ich mit meinem kleinen Team, den Revierförstern, Waldbesitzern, Bauabteilungen, Förstern, Ingenieuren und Architekten zusammen.


Haben Sie ein aktuelles Beispiel?

Der Besitzer eines alten Waldweges in Lützelflüh will die Wegführung und die Breite des Weges anpassen. Ich schaue mit dem Waldbesitzer vor Ort, was möglich und regelkonform ist. Ich verstehe auch, wenn Spaziergänger dann staunen, wenn die Wege plötzlich drei, vier Meter breit sind, doch recht schnell wachsen sie wieder zu. 


1998 haben Sie als stellvertretender Leiter der Waldabteilung 4 auf der Bäregg ihre Arbeit aufgenommen.

Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück. 40 Gemeinden gehörten damals zum Gebiet. Der Aufgabenbereich war vielfältiger: Neben Waldrecht auch forstliche Planung, Borkenkäferbekämpfung, Waldreservate. Mit der Reorganisation 2015 sind es heute rund 90 Gemeinden vom Napf bis zur Sense. Ich habe die Emmentaler stets als sehr gastfreundlich erlebt. Viele Gespräche fanden am Küchentisch statt. Ich habe immer versucht, im Gespräch gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden.


Ist es Ihnen gelungen? 

In den meisten Fällen: ja. Aber eben nicht immer. Ich habe es nicht allen recht machen können. Aber mit der Mistgabel ist niemand auf mich losgekommen (schmunzelt).


Wie haben die Stürme Ihre Arbeit beeinflusst?

Als ich von 1977 bis 1982 an der ETH studierte, waren Stürme absolut kein Thema. Der 26.12.1999 war prägend. Auf «Lothar» war niemand vorbereitet. Waldbesitzer machten sich noch während der Feiertage auf, um in den Wäldern die Schäden aufzuräumen. Die Waldbesitzer wurden mit Infoblättern, die bei den Käsereien aufgehängt wurden, über Massnahmen und Kurse orientiert. Die Waldabteilung half bei der Aufarbeitung der Schäden unter anderem auch bei der Organisation von Nasslagern und Sicherheitskursen. Mit der Digitalisierung hat sich meine Arbeit stark verändert. Luftbildaufnahmen machen jederzeit einen schnellen Überblick möglich. Die elektronischen Anfragen machen den Alltag hektischer und verdrängen leider die persönlichen Kontakte.


In welche Wälder zieht es Sie künftig?

Ich nehme mir erst einmal eine Auszeit. Frankreich gehört zu meinen Lieblingsdestinationen. Aber nicht nur die Wälder. Mir gefällt die Küstenregion am Atlantik. Kultur und Kunstgeschichte faszinieren mich.


Und welchen Baum würden Sie am liebsten in Ihren Garten pflanzen?

(Überlegt lange) Da bin ich hin und her gerissen: Eine Eiche vielleicht oder nein, wahrscheinlich würde ich eine Linde setzen. Sie ist formschön, riecht zur Blütezeit fein, der Stamm fühlt sich angenehm an und das Laub zersetzt sich gut. 


Das Wichtigste zum Schluss?

Trotz meiner Forstpolizistenaufgabe ist mir der Kontakt zu den Leuten immer wichtiger geworden.

15.07.2021 :: Sandra Joder (sjw)