Die Seygemeinde: Ein Relikt aus alter Zeit funktioniert heute noch

Die Seygemeinde: Ein Relikt aus  alter Zeit funktioniert heute noch
Ab der Verzweigung oberhalb Grön soll die Erschliessungsstrasse auf einer Länge von rund 800 Metern lastwagentauglich ausgebaut werden. / Bild: Max Sterchi (mss)
Bowil: Die Seygemeinde Steinen- Hübeli plant den Aus- und Neubau eines Waldweges mit Holzlagerplätzen im Grönwald oberhalb Steinen. Doch was ist eine Seygemeinde?

Grundsätzlich handelt es sich bei diesem Projekt um nichts Aussergewöhnliches. Landauf und landab werden Waldparzellen erschlossen, um das geschlagene Holz mit geeigneten Fahrzeugen zu transportieren. Aussergewöhnlich ist indes der Name der Bauherrschaft, es ist die Seygemeinde Steinen-Hübeli. Sie ist im Jahr 1876 mit regierungsrätlicher Sanktion als Rechtsamegemeinde (private Nutzungskörperschaft nach altem Recht) ins Grundbuch eingetragen worden.


Aufgabe im Wasserbau

Mit dem Beginn des Ackerbaus bemühten sich die Leute, ihr Hab und Gut entlang der Gewässer mit Schwellen und Holzverbauungen zu schützen. Gemäss der Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde (Band 24) ist die Seygemeinde unter dem Titel «Die Organisation des Amtes Konolfingen» als Schwellengemeinde aufgeführt mit dem Wortlaut: «Die Seygemeinde Steinen-Hübeli, als Eigentümerin von Wald und Moos, dessen Abtrag zum Unterhalte des Steinenbaches bestimmt ist. Die Nutzungsrechte heissen hier ‹Kuhrechte› und sind mit Pflichten zur Arbeits-leistung verbunden.» 1857 ist die Seygemeinde Steinen-Hübeli bereits dem kantonalen Wasserpolizeigesetz unterstellt worden. 

Auch der Bowiler Gemeindeschreiber Urs Rüegger kann mit Unterlagen aufwarten, nämlich mit dem Verwaltungs- und Nutzungsreglement der Seygemeinde aus dem Jahr 1928. Gemäss diesem Schriftstück gehören der Seygemeinde rund elf Hektaren Wald und Acker. Wie im Reglement steht, ist «der Abnutz» für den Unterhalt des Steinenbaches von der Ausschütte im Weyerfeld aufwärts bis zur Gemeindegrenze Röthenbach zu verwenden. Die Anteile am Abnutz, beziehungsweise die den Korporationsmitgliedern zustehenden Nutzungsrechte, werden «Kuhrechte» genannt. Zur Zeit des Reglementserlasses waren 42 Berechtigte mit insgesamt 106 Kuhrechten eingetragen.


Nach wie vor aktiv

Auch wenn der Hochwasserschutz nun Aufgabe der Einwohnergemeinde ist, hält die Seygemeinde ihre reglementarischen Organe nach wie vor aufrecht, so deren Präsident Thomas Lehmann.

Der Begriff «Sey» stammt, wie Lokalhistoriker Hans Minder zu berichten weiss, aus dem Mittelalter und ist gleichbdeutend mit dem Begriff «Anteil». Im Gegensatz zum Berner Oberland sei die Seygemeinde im Emmental aber kaum bekannt, allerdings habe er, beispielsweise in Akten der Gemeinde Schangnau, den Begriff «geseyete Alp» (etwa: aufgeteilte Alprechte) entdeckt, so Minder.

Schön, auch im digitalen Zeitalter auf Begriffe aus dem Mittelalter zu stossen. Und, wie Urs Rüegger bestätigt, steht dem Projekt im Grönwald kaum etwas im Wege. Nach derzeitigem Wissensstand sind keine Einsprachen eingereicht worden.

29.04.2021 :: Max Sterchi (mss)