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Gegen die schnöde Wirklichkeit

Kürzlich kam meine Tochter aufgebracht von der Schule heim. Entsetzt erzählte sie, dass ein Schulgespane allen Ernstes behauptete, der Osterhase sei eigentlich die Mama oder der Papa. Aufmerksam musterte sie mich von Kopf bis Fuss und schloss lapidar: «Das kann nicht sein. Du siehst gar nicht aus wie ein Hase.»

Meine Tochter ist in jenem Alter, in dem sie weiss, wie der Hase läuft, wenn sie es denn wissen möchte. Aber offensichtlich will sie es noch nicht so genau wissen. Zu schön ist der Glaube an das Geheimnisvolle, Verborgene. Die schnöde Wahrheit ist langweilig. Den Schokohasen einfach im Laden kaufen, womöglich mit dem eigenen Sackgeld – gehts noch? Oder zuhause zuschauen, wie die Mama oder der Papa die bunt verpackten Eili auf den Tisch legt? Wo bleibt da der Zauber? Aber am frühen Ostermorgen sich vom Ausruf der Eltern mitreissen lassen, die behaupten, dass sie soeben ein Stummelschwänzchen um die Ecke huschen gesehen haben. Und dann ab in den Garten, bis alle Nestchen gefunden sind.

Meine Tochter hat nur einen einzigen Überlegungsfehler gemacht: Ich kann nicht nur Hase sein, wenn ich auch wie ein Hase ausschaue. Denn ich kann noch viel mehr (aber bitte nicht alles meiner Tochter verraten!): Ich bin auch die Zahnfee und das Kitzelmonster, der Chaosbändiger und der Kasperli. Ich bin Jasspartner und Würfelspieler. Aufgabenhilfe und Bewunderer des Gelernten. Trostspender und Zurechtweiser. Tellerwäscher, Bettmacher, Geldverdiener und Einkommensverwalter. In meinen Träumen bin ich mal Superheld und mal Versager. Mal Draufgänger und mal Angsthase. Mal bin ich ein Mann in Schale, mal in Trainerhose und im Heimbüro gewissermassen beides. 

Und immer wieder bin ich einer, der die trockene Realität mit einem Haufen Firlefanz verziert und irgendeine absurde Geschichte erfindet. Schon als Bub habe ich mir einen kleinen Bruder ausgedacht und damit meine Gspänli zum Narren gehalten. Den kleinen Bruder gab es tatsächlich auf dem Familienfoto an der Wand – nur war ich das selber, während ich mich für den zehn Jahre älteren Bruder ausgegeben habe. Und alle haben es mir geglaubt. Obwohl niemand jemals dem jüngeren Bruder begegnet ist. Geschichten sind halt viel interessanter, auch wenn es erfundene Geschichten sind. Manch Erfundenes wollen wir um alles in der Welt für wahr halten. Nur damit wir der
Wirklichkeit nicht ins Gesicht schauen müssen.

15.04.2021 :: Lukas Fries