Die Kirchen nutzen in der Pandemie vermehrt digitale Kanäle

Die Kirchen nutzen in der Pandemie vermehrt digitale Kanäle
Dank der Digitalisierung können Menschen auch erreicht werden, wenn Kirchenbänke leer bleiben (müssen). / Bild: Daniel Schweizer
Emmental/Entlebuch: Kirchenaustritte und die Folgen der Corona-Pandemie machen den Landeskirchen zu schaffen. Die Digitalisierung kann hier eine Chance sein.

Im Jahr 2019 sind rund 26´000 Personen aus der evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz ausgetreten. Die katholische Kirche verzeichnete im gleichen Zeitraum knapp 32´000 Austritte. Dieser Trend sowie die Pandemiesituation zwingen auch die Kirchen, sich für die Digitalisierung fit zu machen, neue Kanäle mit neuen Produkten zu bespielen. Erste Ansätze sind erkennbar.

Mit dem «Wort zum Tag» stellt der Rüderswiler Toni Zulauf den Kirchen ein neues, überkonfessionelles, digitales Gefäss zur Verfügung. Autorinnen und Autoren aus den Kirchgemeinden können ihre Gedanken in Form von Andachten, Predigten oder Medita-tionen als Audiobeitrag mitteilen. Seit Jahren unterstützt er zahlreiche Kirchgemeinden in der Betreuung der Online-Kanäle. In Gesprächen habe sich bei ihm die Idee für das «Wort zum Tag» herauskristallisiert, erklärt Toni Zulauf. Die Pfarrleute hätten «carte blanche», sich zu Themen rund um Glaube und Spiritualität zu äussern. Das Angebot kann von Kirchgemeinden gegen eine Jahresgebühr abonniert und auf ihrer Webseite aufgeschaltet werden; die Nutzung selber ist gratis. (wortzumtag.ch)

Niederschwelliges Angebot

«Mein Anspruch war», führt Zulauf aus, «ein Produkt anzubieten, das einfach produziert und leicht konsumiert werden kann.» Die Autoren erstellten ihre Beiträge mit dem Smartphone und er bereite sie technisch auf. Nach den ersten 50 Tagen zieht er ein positives Fazit. Die Nutzung liege mit durchschnittlich 120 Hörerinnen und Hörern pro Beitrag einiges höher als erwartet. Sandra Kunz, Pfarrerin der reformierten Kirchgemeinde Trubschachen, ist eine Autorin solcher Audio-Beiträge. «Eine positive Nebenwirkung der aktuellen Pandemie ist die Wahrnehmung anderer Kommunikationskanäle», erklärt Kunz. Am neuen Angebot passe ihr, dass das Format kurz und knackig sei, die Themen frei wählbar seien und vor allem eine breite Hörerschaft erreicht werde. Sandra Kunz ist auch auf anderen digitalen Kanälen unterwegs. Der erste pandemiebedingte Lockdown sei für sie der Auslöser gewesen, die Sonntagspredigt als Video auf Youtube aufzuschalten. «Für mich war es zentral, schlicht keine Predigt ausfallen zu lassen», betont die Pfarrerin. Dieses Format führe sie weiter und sie nutze die Chance, damit weitere Themen aufzunehmen und neue Zielgruppen anzusprechen. 

Neue Formen und Inhalte

Pfarrer Andreas Zingg aus Schlosswil sieht im «Wort zum Tag» ein Beispiel, wie künftig die Kommunikation der Kirche ablaufen kann. In der Vielfalt der Kommunikationskanäle und der sozialen Medien sehe er eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Deshalb engagiere er sich für dieses Angebot als Autor. Auch für ihn ist klar, dass digitale Kanäle neue Formen und Inhalte der kirchlichen Kommunikation verlangten; ansonsten hängten die Nutzer ab. Eher kritisch sehe er hingegen das Bereitstellen von ganzen Predigten als Video. Häufig würden die technischen He-rausforderungen unterschätzt, was der Qualität wenig zuträglich sei. «Generell aber hat mich positiv überrascht», schliesst Zingg, «wie agil sich die Kirche in der Pandemiesituation gezeigt und neue Wege der Kommunikation erschlossen hat.»

 «Die Pandemie hat auch bei uns zu einem Digitalisierungsschub geführt», sagt Urs Corradini, Leiter des katholischen Pastoralraums Mittleres Entlebuch. Neben dem Einsatz der bekannten Planungs- und Sitzungstools in den internen Arbeitsprozessen hätten sie, trotz anfänglicher Bedenken, begonnen, Gottesdienste auf Youtube zu streamen; und die Nutzerzahlen ermunterten sie, damit weiterzufahren. Während sie auf anderen grossen, sozialen Medien nicht präsent seien, nutzten sie die lokal ausgerichtete Plattform «Crossiety», um kirchliche Anlässe anzukündigen. Durch das Einlassen auf den Digitalisierungsprozess ergäben sich markante Veränderungen, so Corradini weiter. Dank der Präsenz in der digitalen Welt werde das Bild der Kirche zweifelsohne zeitgemässer. Allerdings werde damit auch die Individualisierung verstärkt und es fehle die Dimension der menschlichen Begegnung. Da wolle er nach der Pandemie wieder Gegensteuer geben. Die grosse Herausforderung, aber auch Chance sehe er in der Verbindung der digitalen mit der analogen Ebene.

Ergänzung, nicht Ersatz

Gemäss Adrian Hauser, Leiter Kommunikationsdienst der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (refbejuso) ist die Digitalisierung eines der Legislaturziele. Das Thema beschäftige sie schon länger und habe nun in der Folge der Pandemie nochmals massiven Schub erfahren. «Generell stellen wir uns die Frage», so Hauser, «wie wir auch im digitalen Lebensraum Kirche sein können.» Ein Ziel sei, die Aktivitäten in den sozialen Medien zu erhöhen. Da sehe er Potenzial, indem auch digital Räume der Begegnung geschaffen werden könnten, um hoffentlich verstärkt auch junge Menschen und Kirchenferne anzusprechen. Aber auch Hauser sieht die Digitalisierung als ergänzendes Element zum Bestehenden. «Die Emotionalität eines direkten Gesprächs kann durch digitale Angebote nie ersetzt werden.»

01.04.2021 :: Daniel Schweizer