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Still ists geblieben

Fährt man vom Entlebuch ins Emmental, passiert man, mir nichts dir nichts, eine Grenze, die man kaum wahrnimmt. Hier, wie dort Hügel, Bäume, Höfe, Strassen, Schnee. Dort, wie hier das gewohnte, im Moment nicht ganz so geschäftige Treiben. Dass zwischen dem Hier und dem Dort eine innereuropäische Kulturgrenze verläuft, würde man nicht ahnen, wenn man es nicht wüsste. 

Vor ein paar Tagen wäre dem nicht so gewesen. Drüben hätte wohl der Alltag seinen gewohnten Lauf genommen. Aber hüben hätte eine ganz andere Kultur geherrscht. Eine ausgelassene, musikalische, bunte, verrückte, verspielte, hie und da zauberhafte und poetische, aber meistens einfach wilde und laute Kultur. Wobei wild und laut in diesem Zusammenhang ein Kompliment ist. Soviel Spass und Witz, gepaart mit der einen oder anderen gesellschaftskritischen und politischen Spitze in der Öffentlichkeit, ist selten. Es wären die Tage der fünften Jahreszeit gewesen. Tagwache, Umzüge, Maskenbälle, geschmückte und proppenvolle Säle und viele Menschen, die gut drauf sind und sich des Lebens freuen.

Wäre, hätte, könnte, würde. Alles nur im Konjunktiv. Statt wilde Kultur und grenzenlose Unordnung war diesseits wie jenseits der Grenze nur das stille, unspektakuläre geschäftige Treiben. Nichts mit Fasnacht, nichts mit Lebensfreude, nichts mit Umsturz der gewohnten Verhältnisse. 

Der Sturm ist ausgeblieben und die Ruhe nach dem Sturm ist umso gespenstischer. So geht das nicht. Wo kommen wir hin, wenn wir immer nur Geschäfte machen und die Angst ums liebe Geld regieren lassen? Wo bleibt das Ventil, das uns Dampf ablassen lässt und uns den närrischen Spiegel vorhält? Wann können wir wieder in Rollen schlüpfen, die uns normalerweise versagt bleiben, und maskiert auch unbequeme Wahrheiten aussprechen? Wo sollen wir denn mal wieder auf den Putz hauen können, ohne jemandem Schaden anzurichten? 

Da hilft nur eines: Noch heute stelle ich mich vor den grossen Spiegel und reisse mir selber ein paar Grimassen. Dann setze ich mir eine bunte Perücke auf, drehe die Stereoanlage über die sonst erlaubte Zimmerlautstärke, steige auf den Küchentisch und tanze bis der Boden zittert. Fasnacht@home, sinnlich, heftig und schwitzend, statt bloss digital über ein paar gut gemeinte Filmchen, welche auf den sozialen Medien herumgeboten wurden. Soviel Ausgelassenheit muss sein, auch in diesen Zeiten. 

Ich darf das übrigens, obschon offiziell schon die Fastenzeit begonnen hat:
Als Heimweh-Basler steht mir die schönste Jahreszeit noch bevor! 

18.02.2021 :: Lukas Fries