Komme, was wolle!

Ich sitze in meinem Stübli und höre Nachrichten. Wenn ich zum einen Fenster rausschaue, sehe ich Nebeldunst und Regensträhnen. Beim anderen dominieren die braunen Farben der Spatzen, die in der Baumkrone des herbstlichen Aprikosenbaumes sitzen und so wunderschön aussehen zu diesen goldgelben Blättern.

Die Nachrichten prasseln auf mich ein wie der Regen draussen auf den Boden. «I’m singing in the rain», klingt es sanft in mir und die Worte des Nachrichtensprechers werden so goldgelb wie die Blätter des Aprikosenbaumes.

In mir entsteht der Wunsch, in uns ein Licht anzuzünden für mich. Auch ich bin «pflotschnass» von diesem Dauerregenschauer Corona. Ich sehne mich nach den uneingeschränkten Glücksgefühlen, nach einem breiten Lachen, welches nicht gleich von einer Maske erstickt wird. Mit vielen Menschen habe ich darüber diskutiert, debattiert, mich manchmal echauffiert und dann wieder resigniert. Die Zahlen schlagen Wellen, die Medien bellen sie im Chor und in meinem Ohr hallen vor allem Fragezeichen.

«Räge, Rägetröpfli, du rägnisch uf mis Chöpfli», singt es in mir, während die neuen Massnahmen verkündet werden, und ich zünde eine Kerze an. Dabei wärme ich mich mit Zimt, Orangen und Ingwer, mache ein Feuer im Cheminée und fokussiere mich auf den freien, schönen Spatz und die goldgelben Blätter meines geliebten Aprikosenbaumes. Ich schreibe Briefe von Hand und mit Herz, ich zeichne, bastle und spaziere durch die Herbsttage. Sammle farbige Dinge, Momente und Atmosphären und fülle damit den grauen Nebeldunst des Corona--Alltags. Ich trockne die Tränen der Wut, Trauer, Angst mit lieben Worten und Gesten. Ich beantworte alle die Fragezeichen mit meiner eigenen, vielleicht kindlichen, aber so warmen Logik: Willst du gesund sein, bleib nicht allein! Verbinde dich mit Menschen, atme und zünde immer wieder, egal wie dicht der Nebel ist, das kleinste Licht in dir an. Das nächste Lied kündet sich an: «Oh du goldigs Sünneli, tue i üs in schiine.»

Auf dass der Nebel sich lichtet, auf dass die Sonne sich zeigt, auf dass der Regen so viel wie nötig bei uns bleibt und auf dass der Bogen dazwischen nicht überspannt, sondern wieder in allen Farben leuchtet. Ihr dürft gerne mitsingen: «Mini Farb u dini , das git zäme zwe!» Und ja, dann gibt es einen Regenbogen, «wo sich lat la gseh!»

Ich sitze in meinem Stübli, schalte die Nachrichten aus und gehe raus zum Spatzen. Befreit und bereit, komme, was wolle, rolle die Welle, ich habe in mir meine eigene Quelle.

12.11.2020 :: Fabienne Krähenbühl