«Denken im Volk»

«Denken im Volk»
Der Standort und die Umgebung ist für das Wohlergehen der Bienen entscheidend, hat Heidi Baumgartner die Erfahrung gemacht. / Bild: Veruschka Jonutis (vjo)
Mirchel: Heidi Baumgartner wollte mehr über die Lebensgemeinschaft der Bienen erfahren. Ende August hat sie die vierjährige Ausbildung zur diplomierten Imkerin abgeschlossen.

Im Garten von Heidi Baumgartner summt es. Aus mehreren Kästen fliegen die Bienen aus. «Schon aufgrund der Art ihrer Flugtätigkeit kann ich einiges über den Gesundheitszustand erkennen. Dieses Volk zeigt eine normal rege Aktivität», sagt die frisch diplomierte Imkerin. Seit rund zwölf Jahren hält die Mutter von sechs Kindern eigene Bienen. Je länger sie imkere, um so mehr erkenne sie, wie vorbildlich sich Tiere als Einheit verhalten, wie sie zusammenarbeiten – eine Honigbiene alleine würde nicht überleben. Sie habe gelernt, nicht die einzelnen Lebewesen zu betrachten, sondern den Schwarm in seiner Ganzheit. «Denken im Volk», nennt sie diese Betrachtungsweise. «Die Bienen leben so, wie wir es in unseren Familien anstreben sollten, alle ziehen am gleichen Strang. Das Wohl der Gemeinschaft hat den höchsten Stellenwert», zieht sie einen Vergleich. 

Im Laufe ihrer ersten Jahre als Imkerin habe sie bereits viele Erfahrungen in der Haltung und der Pflege dieser fleissigen Insekten gesammelt und dabei auch einige Fehler gemacht, wie sie selber sagt. «Ich wollte dann mehr über die komplexen Zusammenhänge in der Welt der Bienen erfahren und entschied mich, die vierjährige Ausbildung zur eidgenössisch diplomierten Imkerin zu machen.» 

Mehr Professionalität

Voraussetzung zur Ausbildung, die seit 2014 angeboten wird, ist die Teilnahme an einem Grundkurs sowie drei Jahre Erfahrung in der Haltung von Bienen. In 27 Ausbildungstagen, aufgeteilt in fünf Modulen, wird Wissen zur Zucht, Haltung und Gesundheit bis zur Volksvermehrung vermittelt. Dazu kommen rund 70 Tage Selbsstudium sowie das Verfassen von vier Leistungsausweisen und der Diplomarbeit. «Ziel der Ausbildung ist, dass die Imkerei professionalisiert wird. Damit erhält diese Tätigkeit mehr Respekt und Gewicht.» Auch soll das Wissen gebündelt und auf einen Nenner gebracht werden, sagt Heidi Baumgartner, welche auf die Unterstützung ihrer Familie zählen konnte. «Mein Mann und meine Kinder hielten mir jeweils den Rücken frei, damit ich mich am Wochenende in meine Weiterbildung vertiefen konnte. Ohne diese Unterstützung wäre es nicht möglich gewesen.» 

Wichtige Standortwahl 

Bereits während der Ausbildung hat Heidi Baumgartner begonnen, das Gelernte umzusetzen. Hatte sie zuvor nur einen Standort, verteilte sie die Kästen nun. «Wird zum Beispiel ein Bienenstand vergiftet, sind die anderen nicht mitbetroffen. Auch ist das Nahrungsangebot nicht das gleiche, was unterschiedlichen Honig ergibt», zeigt sie auf. Nun fliegen ihre Bienen nicht nur emsig über Wiesen und an Waldrändern, auch in der Stadt Bern in der Nähe der Aare hat Heidi Baumgartner ein paar Kästen aufgestellt. «In den Stadtgärten blühen viele Blumen, was leckeren Blütenhonig ergibt. Die Wahl der Standorte sind also wichtig – ich kann damit einiges steuern.» Neu erstelle sie einen Jahresplan, welche Ziele sie erreichen möchte und kann später nachvollziehen, was geklappt hat und was weniger. Auch habe sie gelernt, nur noch Bio-Zucker zur Fütterung zu verwenden und nie allen Honig aus den Waben zu entfernen, um die Gesundheit der Bienen zu unterstützen. 

Gifte belasten 

Trotz ihrer Fürsorge kann Heidi Baumgartner ihre Schützlinge nicht vor allen Gefahren bewahren. Gerade das Thema Gift in unserer Umwelt belastet die Imkerin. «Ich habe dazu sogar meine Abschlussarbeit verfasst. Die Insektizide und Fungizide, welche in der Landwirtschaft und in den Gärten eingesetzt werden, setzen den Insekten schwer zu», sagt sie. Auch fehlende Hecken und Zwischensaaten – welche die Nahrungsknappheit zwischen dem Frühling bis zur Waldtracht Ende Juni auffangen könnten – seien ein Problem. Die Tiere fänden in dieser Zeit auf den überdüngten Weiden kaum Pollen. Zwar sei es erfreulich, dass viele Menschen auf diese Themen mittlerweile sensibilisiert seien und den Bienen und anderen Insekten helfen wollten. Es würden eifrig Blumen gesät und Wildbienenhotels aufgestellt, was sicher sinnvoll sei. Aber was nütze dies alles, wenn immer noch Gifte versprüht würden, fragt Heidi Baumgartner. «Wäre es nicht effektiver, wenn wir anstatt gespritztes Obst, die pestizidfreie und saisonale Alternative wählen würden, die auch einmal einen Fleck haben dürfen? Hier können wir als Konsumenten einen grossen Einfluss ausüben.» Die Bienen gälten als drittwichtigstes Nutztier der Schweiz und trotzdem sei für die Erforschung für Krankheiten wie die Varroamilbe oder die Sauerbrut kaum Geld vorhanden, bedauert sie. Die gefürchtete Milbe schwächen die Bienen und macht sie anfällig für eine virelle und bakterielle Infektion wie beispielsweise die Sauerbrut. «Die Varroamilbe kann relativ erfolgreich in Schach gehalten werden. Für die Bekämpfung der Sauerbrut gibt es noch keinen wirksame Methode, ausser das Wissen, wie die Bienen gesund zu erhalten sind.»

Aufwand und Verantwortung

Für Heidi Baumgartner ist die Imkerei weder Beruf noch Hobby, sondern Leidenschaft. «Der Aufwand und die Verantwortung ist für ein Hobby zu gross. Die Pflege bedeutet viel Saubermachen und es kann auch mal stressig werden, wenn die Tiere zum Beispiel krank sind», hält sie fest. In der Schweiz sei es schwierig, von der Imkerei als Haupterwerb leben zu können. Dafür müssten mindestens 200 Völker gehalten und Königinnen und so wie Völker verkauft werden können, schätzt sie. «Mit dem Verkauf meiner Produkte kann ich etwa die Kosten abdecken. Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, sondern die Erzeugnisse sollen Freude bringen, das macht mich glücklich.» In ihrem Lädeli bietet sie unter anderem Honig, Sirup mit Honig und Kräutern, Bienenwachsprodukte wie Kerzen, Wachswickel, Seifen und Bienenwachstücher zum Abdecken von Lebensmitteln an. Für die Hebammenpraxis, in der sie arbeitet, stellt sie stärkende Brotaufstriche für schwangeren Frauen her.

Für den Bienenzuchtverein Zäziwil bietet Heidi Baumgartner Imkergrundkurse an: www.bienen-zaeziwil.ch