Die grosse Langnauer Forscherin

Die grosse Langnauer Forscherin
Forschte mit eisernem Willen und strebte nach Vollständigkeit: Margrit Rageth (1924 – 2011). / Bild: zvg
Emmental: Margrit Rageth hat während Jahrzehnten in unermüdlicher Kleinarbeit die Geschichte hunderter Liegenschaften in der Region Langnau dokumentiert, wie ihr Archiv im Regionalmuseum Chüechlihus zeigt. Wer war diese Frau und was hat sie an Langnau interessiert?

Mit einem Geschenk, das sie ihrem Vater machen wollte, nahm alles seinen Anfang. Margrit Rageth begab sich in die Archive mit dem Ziel, eine Familienchronik zu schreiben. Rasch fand die Handelssekretärin Zugang zu den alten Dokumenten. Von Hand schrieb sie die schriftlichen Zeugnisse ab und tippte sie zu Hause ins Reine, zuerst mit der Schreibmaschine, später mit dem Computer. 

Die Beschäftigung mit Dingen, die noch nie jemand erforscht hatte, begeisterte die fünffache Mutter und Arztgattin so sehr, dass sie nach der Fertigstellung des ersten Projekts ein zweites in Angriff nahm: die Familiengeschichte ihrer Mutter. Margrit Rageths Mutter war eine Gerber von Langnau und stammte vom Hof Obeningohl. Die Forscherin fand heraus, dass die Parzelle, auf der das Hochstudhaus um 1600 gebaut worden ist, früher Teil eines viel grösseren Guts war. Im Mittelalter gehörte es dem Ritter Burkhart von Sumiswald, der das Gut 1370 an das Kloster Trub verkaufte. Margrit Rageth hat ein vierbändiges Dossier über das «Vorder Gut Oben In Gohl» zusammengestellt. Darin rekonstruiert sie nicht nur die Geschichte des Hauses ihrer Vorfahren, die bis 1830 auf dem Hof wohnten, sondern dokumentiert alle anderen Parzellen, die einst zu diesem Gut gehörten. 

«Eine sehr eigenständige, vitale Frau»

Cilgia Rageth, eine ihrer Töchter, beschreibt ihre Mutter als eine sehr eigenständige, vitale Frau, die mit eisernem Willen ihren Forschungszielen nachgegangen sei. «Hatte sie etwas herausgefunden, taten sich zehn neue Fragen auf. Und je mehr sie wusste, desto mehr wuchs ihr Interesse und der Wunsch nach Vervollständigung. Ihr wichtigster Gesprächspartner war mein Vater. Er interessierte sich für ihre Forschungsarbeiten und unterstützte sie, wo er nur konnte.»

Zu den jetzigen Besitzern von «Obeningohl» pflegte Margrit Rageth, welche bis 2011 lebte, eine herzliche Beziehung. Anna Wüthrich-Blaser erinnert sich, mit welcher Freude die Forscherin zum ersten Mal das Buffet in der Stube mit der Aufschrift «Gärber» entdeckte. «Frau Rageth kam uns ab und zu besuchen», berichtet die Bäuerin weiter, «sie interessierte sich beispielsweise, wie ich die Wäsche ohne Waschmaschine wusch. Einmal nahm sie sogar einen Stoss schmutziger Kleider mit nach Hause, um die Wäsche in ihrer Maschine zu waschen. Ihr Mann, Herr Rageth, machte schöne Fotos von unseren fünf Kindern. Jeden Herbst kam er ins Lüderengebiet auf die Jagd. Einer unserer Söhne begleitete ihn jeweils und trug seinen Rucksack.»

«Langnau war mir vorher nicht vertraut»

Doch warum weitete Margrit Rageth ihre Forschung auf das Dorf und die anderen Aussenbezirke aus? Vom «Hirschen», «Bären» und «Löwen» beispielsweise hat sie je hundertseitige Dossiers hinterlassen. «Mit jeder Generation, die ich erforschte, kam eine neue Mutter hinzu», erklärte die Forscherin einst in einem Vortrag, «dadurch kamen immer mehr Geschlechter in meinen Stammbaum hinein. Langnau habe ich vorher nicht gekannt. Jetzt ist es mir aus alten Schriften vertraut wie sonst kein Fleck auf der Welt.» 

Leider konnte die Forscherin nicht wie bei anderen Projekten ihr Wissen in einem Buch bündeln. So kam es, dass das Sammelgut nach ihrem Tod in Form von unzähligen Ordnern, Karteikästen und Papierstapeln als Schenkung nach Langnau gelangte. Im Auftrag des Regionalmuseums Chüechlihus sichtete die Archivarin Dorothee Ryser den Nachlass und brachte ihn in eine benutzerfreundliche Ordnung. 

«Ein gedeckter Tisch»

André Holenstein, Professor und Direktor des Historischen Instituts der Universität Bern, spricht von einem «gedeckten Tisch», wenn er an das Rageth-Archiv und seine Studierenden denkt. Des Lobes voll ist auch die Keramikforschung. Ohne das Archiv hätte die Hafnerdynastie Herrmann wohl kaum so detailliert rekonstruiert werden können. 

Von den Privatbenutzern haben die meisten Frau Rageth noch gekannt. Einer davon ist Jürg Gerber, Hauetershaus, Nachbar von Obeningohl. «Der Hof von Rageths Vorfahren gehörte früher zu uns», erklärt der Bauer und Gemeinderat, «‹Hauweters Haus› war das Stammhaus vom ‹Vorder Gut Oben In Gohl›.» Ein anderer Benutzer ist Theo Gerber, der selber Familienforschung betreibt. Er hat Margrit Rageth 1979 im Staatsarchiv kennen gelernt. Voller Begeisterung ruft er aus: «Die Forschungsarbeit von Frau Rageth ist von unschätzbarem Wert! Dafür hätte sie das Ehrenbürgerrecht verdient!»


Margrit Rageths Forschungsergebnisse präsentieren sich heute in 63 Bänden und Schachteln; ein Nachschlagewerk gibt Auskunft über deren Inhalt. Kernstück des Archivs sind die Dossiers zu den Liegenschaften, Strassen und Höfen (Bände 37 bis 63). Sie bilden eine einmalige Grundlage für Forschende und Interessierte. In einem kleinen Raum des Regionalmuseums Chüechlihus in Langnau hat das Rageth-Archiv seinen Platz gefunden und darf auf Voranmeldung besichtigt werden.