Im Rhythmus mit der Natur

Camping boomt. Kein Wunder. Nach Wochen Zuhause und den immer gleichen Spaziergängen ums Haus herum steigt die Sehnsucht, endlich wieder einmal rausgehen zu können. Und zwar richtig. Am liebsten für sich allein an einem unberührten Plätzchen weit weg von den Sorgen des Alltags. Alles loslassen, was mich belastet. Um mich herum nichts als das Plätschern eines Baches, das Pfeifen der Vögel und der stete Wechsel von Sonnenauf- und
-untergang, der uns verheisst: Alles ist gut, das Leben geht weiter.

Nicht nur Camping boomt, auch die Wohnwagen und Wohnmobile sind grad mächtig im Kommen. Am meisten faszinieren mich die Luxusvarianten, welche alle Annehmlichkeiten bieten, die man sich vorstellen kann: grosse Dusche, Kühlschrank mit Gefrierfach und Breitbild-Satelliten-Fernsehen. «Für all jene, für die sich ein Reisemobil wie Zuhause anfühlen muss», wie es in einer Werbung heisst.

Da liegt eine sonderbare Spannung zwischen dieser Sehnsucht zurück zur Natur und der Faszination für den Luxus auf Rädern. Will ich die Natur intensiv erleben, muss ich nicht nur die Annehmlichkeiten des eigenen Zuhauses zurücklassen. Ich gebe auch Sicherheit auf: ein festes Dach, ein warmes Bett und eine Tür, die ich abschliessen kann. All das gibt mir ein Wohnmobil wieder zurück. Dafür sperrt es die Natur aus. Hinter verschlossener Tür riecht es nach Kunstleder und der Sonnenaufgang bleibt draussen vor der Jalousie.

Sicherheit oder Natur; beides gleichzeitig geht nicht. Wie kaum je zuvor haben wir erkennen müssen, dass nicht wir die Natur im Griff haben, sondern die Natur uns. Und diese Natur ist nicht einfach nur heil und gut, sondern manchmal auch eine Gefahr für unser Leben. Entsprechend suchen wir uns in dieser Zeit neue Sicherheiten. Manche davon sind reichlich hilflose Versuche: Verschwörungstheorien, Schuldzuweisungen und Besserwisserei.

Die Angst um unsere Sicherheit treibt uns in die Enge. Was wir stattdessen lernen müssen, ist Vertrauen. Dafür kann die Natur eine gute Lehrmeisterin sein. Für einmal alles zurücklassen, was unser Zuhause so sicher und vertraut macht. Dafür Neues entdecken und erfahren, dass in den Rhythmen der Natur durchaus etwas Heilsames steckt. Es muss ja nicht gleich ein 

Extrem-Biwak im Hochgebirge sein. Aber vielleicht ein Spaziergang und der Versuch, wenigstens während einer halben Stunde dem Rauschen des Bachs und dem Gesang der Vögel zuzuhören, ohne meinen Gedanken nachzugehen, die mich ständig beschäftigen.

04.06.2020 :: Lukas Fries