«Grüessech!»

Vor gut acht Jahren zügelten meine Frau und ich nach Sumiswald. Sofort merkte ich, dass ich sehr auffalle, wenn ich die
Menschen auf der Strasse mit «Grüezi» grüsse. Schnell habe ich mich angepasst, und «Grüessech» war mein erstes berndeutsches Wort.
In diesen acht Jahren habe ich gelernt, wie wichtig das Grüssen für die Menschen ist. Eigentlich ist es nur eine kleine Sache – je nach Situation ein kurzes Wort, ein Nicken mit dem Kopf oder ein kurzer Wink mit der Hand. Aber darin steckt eine grosse Bedeutung. Durch das Grüssen zeigen wir, dass wir das Gegenüber wahrnehmen, drücken Respekt aus und bestätigen, dass wir es nicht böse mit ihm meinen.
Dazu passt, dass das Wort «Grüessech» eigentlich eine Verkürzung von «Gott grüsse Euch» ist und meint, dass man der anderen Person wünscht, dass sie erlebt, wie Gott sie anspricht. Damit ist die Begrüssung eigentlich eine Segnung.
Mittlerweile schätze ich das sehr. Einander zu grüssen ist ein Ausdruck davon, dass man jedem in die Augen schauen kann und sich niemandem so überlegen oder unterlegen fühlen muss, dass man ihn bewusst nicht beachtet. In dieser Zeit habe ich auch erfahren, wie schmerzhaft es ist, wenn das Grüssen nicht mehr möglich ist. Immer wieder erzählen mir Menschen, wie sie von einer bestimmten Person einfach nicht mehr gegrüsst werden. Der Grund kann häufig nur vermutet werden. Das Grüssen wird damit zum Gegenteil. Statt einem Segen möchte man dem anderen subtil seine Ablehnung zu spüren geben. Nicht selten erlebe ich, dass beide Beteiligten jeweils denken, dass der andere damit begonnen hat.
Durch diese Erfahrungen habe ich mich entschieden, grundsätzlich nie mit dem Grüssen aufzuhören, auch wenn von einer bestimmten Person nichts zurückkommt. Segen ist immer unverdient und mit dem Grüssen drücken wir etwas davon aus.

28.05.2020 :: David Jany