Freie Wahl und mehr Wettbewerb: Das bringen Betreuungsgutscheine

Freie Wahl und mehr Wettbewerb: Das bringen Betreuungsgutscheine
Kanton Bern: Ab Januar geben auch mehrere Gemeinden im Emmental Gutscheine aus für die familienexterne Kinderbetreuung. Das ändert einiges: für Eltern, Anbieter und Gemeinden.

Bisher subventionierte der Kanton Bern eine bestimmte Anzahl Plätze in Kindertagesstätten (Kita) und Tagesfamilien. Eltern, die für ihr Kind keinen solchen vergünstigten Platz finden konnten, mussten entweder den vollen Tarif bezahlen oder sich auf eine Warteliste setzen lassen. Neu finanziert der Kanton Betreuungsgutscheine mit. Anspruch haben nur Eltern, die bestimmte Kriterien erfüllen. «Diese sind relativ streng», sagt Esther Christen, Leiterin der Abteilung Familie im Sozialamt des Kantons Bern. Sie hätten einen kostendämmenden Effekt, denn der Regierungsrat wolle den Systemwechsel kostenneutral umsetzen. So ist ein Mindestarbeitspensum festgelegt. Weiter muss die Familie aus finanziellen Gründen auf Subventionen angewiesen sein. Dabei werden Einkommen, Vermögen und Familiengrösse berücksichtigt. Schliesslich finanziert der Kanton Kita-Gutscheine nur bis zum Ende des Kindergartens, solche für Tagesfamilien auch länger, da diese oft Zeiten abdecken, welche Tagesschulen nicht anbieten.

Freiheiten für Eltern und Anbieter

«Der grosse Vorteil der Gutscheine ist, dass sie im ganzen Kanton gültig sind», führt Esther Christen aus. So sei es beispielsweise möglich, das Kind in einer Kita am Arbeitsort der Eltern betreuen zu lassen. Auch für kleinere Gemeinden stelle das neue System eine Chance dar. Bisher sei es für diese schwierig gewesen, überhaupt ein familienexternes Betreuungsangebot bereitzustellen. Sie hätten einen Leistungsvertrag mit einem Anbieter in der Nachbarschaft abschliessen müssen. «Neu können sie die Gutscheine abgeben und die Eltern organisieren sich selber», so Esther Christen. Nicht zuletzt profitierten auch die Anbieter. Bisher habe der Kanton vorgegeben, wie viel ein Platz kostet. «Neu sind sie frei in der Tarifgestaltung, da ja nicht mehr die Plätze, sondern die Gutscheine subventioniert werden.» Sie könnten aber auch ihr Angebot dem Bedarf der jeweiligen Region anpassen, beispielsweise bei den öffnungszeiten, die nicht mehr vorgeschrieben seien. «Vielleicht möchte eine Kita in der Nähe eines Betriebes mit Schichtarbeit eine 15-Stunden-Betreuung anbieten», nennt sie ein Beispiel.

Wettbewerb soll spielen

Dass die Kitas und Tageselternorganisationen ihre Tarife stark anheben werden, glaubt Esther Christen nicht. Sie stünden in Konkurrenz zueinander, der Wettbewerb werde spielen. «überteuerte Preise würden sich herumsprechen, denn die Eltern leisten ja auch einen Beitrag an die Kosten und sind in ihrer Wahl frei.» Aus einem anderen Grund jedoch könnte es zu gewissen Preiserhöhungen kommen. So entrichtet der Kanton keine Risikopauschalen mehr. Bisher bekamen Kitas bei einer Auslastung ab 95 Prozent die volle Abgeltung pro Platz. Auch die Beiträge für Lernende fallen weg. «Die Betriebe können diese Ausfälle auf den Tarif schlagen», so Esther Christen.

Gemeinden können steuern

Obwohl der Systemwechsel auch für die Gemeinden möglichst kostenneutral erfolgen soll, bleiben diese vorsichtig. Vielerorts laufen Versuchsphasen von zwei, drei Jahren. Esther Christen hat Verständnis dafür. Tatsächlich könne niemand genau voraussagen, wie sich die Nachfrage entwickeln werde. Würden die Kosten stark steigen, hätten die Gemeinden aber ein Steuerungsinstrument in der Hand. Sie könnten zum Beispiel die Gutscheine kontingentieren, sie nur für Vorschulkinder ausgeben oder sie enger ans Erwerbspensum koppeln. Ein Paar, das 120 Prozent arbeitet und im Maximum Anrecht auf einen Gutschein von 40 Prozent hat, erhält dann vielleicht einen für 20 Prozent. So viel beträgt der minimale Anspruch. Weiter steht es den Gemeinden frei, ob sie die Kosten für die Berechnung und Ausgabe der Gutscheine an die Eltern überwälzt. In Langnau ist dies so vorgesehen, was auf Kritik stösst (siehe Artikel rechts).

Freiwillig, aber von Vorteil

Bisher haben sich noch nicht alle Gemeinden im Emmental dazu entschieden, die Gutscheine auszugeben. Eltern, die in einer solchen Gemeinde wohnen und die Kriterien erfüllen würden, haben Pech gehabt: Sie gehen leer aus. «Keine Gemeinde muss mitmachen», sagt Esther Christen. Sie sei aber überzeugt, dass sich dies lohne: «Es ist ein Standortvorteil und kann verhindern, dass Familien Sozialhilfe beziehen müssen, was viel teurer würde.»

So funktionierts
Die Eltern beantragen in ihrer Wohngemeinde einen Gutschein und suchen einen Betreuungsplatz. Die Kita oder Tagesfamilienorganisation zieht den Gutscheinbetrag direkt vom Tarif ab und stellt den Eltern den entsprechend gesenkten Betrag in Rechnung. Die Gemeinde vergütet der jeweiligen Organisation den Wert der Gutscheine und rechnet sie über den Kanton ab. Die Gemeinde bezahlt einen Selbstbehalt von 20 Prozent auf den Gutschein, der Rest wird vom Kanton und der Gesamtheit der Gemeinden über den Lastenausgleich finanziert.