Giftalarm unterm Weihnachtsbaum

«Meine Kinder haben mich an Heiligabend eingeladen, aber ich möchte gar nicht hingehen, weil mein Ex-Mann auch kommt.» Meine leidklagende Bekannte wirkte wie eine überfahrene Tupperschüssel. Nach dem traumatisierenden Scheidungskrieg vor zwei Jahren war ihr Ex der letzte Mensch, den sie treffen wollte. Eine andere Freundin bekommt grüne Pickel, wenn sie ans Fest mit der Familie denkt: «Meine Schwester wird wieder viel zu laut lachen, viel zu viel trinken und mir dann vorwerfen, dass ich als Kind immer bevorzugt wurde.» Auch die Erzählung von einer weiteren Bekannten macht wenig Lust auf das Fest der Liebe: «Wir sind am 25. Dezember immer bei den Eltern meines Mannes. Fünf Minuten mit meiner Schwiegermutter reichen, und ich fühle mich wie ekliges Ungeziefer. Denn sie ist fest davon überzeugt, dass ihr Sohn eine bessere Frau verdient hätte.» Bei so manchen Menschen in meiner Familie würde ich auch lieber in einer Bahnhofshalle Weihnachten feiern, als ihnen zu begegnen. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind und bei vielen familiärer Spiessrutenlauf. Ich frag mich nur,
warum tun wir uns das an?

In letzter Zeit kursiert der Begriff der toxischen Beziehungen. Es handelt sich um Menschen, die giftig auf uns wirken. Im Alltag meiden wir diese
Energiefresser möglichst, doch an Weihnachten laufen wir Jingle Bells pfeifend direkt ins offene Messer. Schon Wochen zuvor malen wir uns Szenarien aus, was der X oder die Y wieder für Gemein- oder Blödheiten absondert. Dann kommen noch diese verletzenden Sätze hinzu, die sich ins Gedächtnis eingefräst haben. Da kann sich ein ironisches «Du hast dich aber schick gemacht» anhören wie «Geld verschwendet für geschmacklose
Klamotten».

Ich lebe gerne in der Schweiz und schätze die Höflichkeit hier über alles. Allerdings empfinde ich den Hang, nicht anecken zu wollen, bloss keinen Streit vom Zaun zu brechen und immer lieb zu sein zuweilen als problematisch. Ein junges Paar erzählte mir kürzlich betroffen, sie seien mit einem Freund aus Honduras in ein Café eingekehrt und die Servicekraft habe den indigen aussehenden jungen Mann unverhohlen diskriminierend behandelt. «Wie habt ihr reagiert?», fragte ich sofort. Sie hätten gequält gelacht und seien schnell wieder aufgebrochen, war die Antwort. Wie genial wäre es gewesen, die Servicekraft mit ihrem unmöglichen Verhalten zu konfrontieren.
Ihnen wünsche ich wunderschöne Weihnachten und die Gabe auch mal Nein zu sagen, wenn sich ein Ja anfühlt wie Verrat an sich selbst.