Alte Dokumente neu entdeckt

Trub: Bei der Renovation des Kirchturms in Trub wurden bisher unbekannte Schriften entdeckt. Unter anderem geben sie Auskunft über die Turmreparatur um 1895. Die Geschichte wird im Turm fortgeschrieben.

Die ältesten Schriften, die bei der Kirchturmrenovation in Trub zum Vorschein kamen, stammen von der Zeit der Kirchensanierung im Jahr 1762. «Versteckt» waren sie in der Kugel, dem so genannten Knopf, unter dem Kreuz. In den Dokumentenwurde für die Nachwelt festgehalten, was die Truber Bevölkerung in dieser Zeit beschäftigte, welche Geschlechter in der Dorfpolitik an der Macht waren und wie teuer das Getreide gehandelt wurde.

Noch interessanter findet Trubs aktueller Pfarrer, Felix Scherrer, Dokumente jüngeren Datums. Anlässlich der jetzigen Kirchenrenovation haben die Leute der Turmuhrenfabrik J. G. Baer aus Sumiswald den «Bericht über die Erstellung des neuen Kirchturmhelmes im Herbst des Jahres 1895» zu Tage befördert. Dieses Schriftstück umfasst acht Seiten, dazu ein Behördenverzeichnis, die Gemeinderechnung 1894 und Zeitungen. Den Baubericht verfasst hat der damalige Pfarrer Albert Matthys. «Über die Kirche Trub und deren Geschichte wurde im letzten Jahrhundert viel geschrieben. Die Urkunde von 1762 wird in diesen Schriften erwähnt, über das nun vorliegende Dokument von 1895 konnte ich jedoch nirgends etwas lesen», sagt Felix Scherrer. Unklar für ihn ist, ob der Kirchturmknopf bei späteren Renovationen nicht geöffnet wurde, oder ob der Inhalt des Dokuments den Geschichtsschreibern nichts bedeutete. Vielleicht sei er ihnen gar als unwürdig erschienen, in ihre Bücher aufgenommen zu werden. Die damals Bern-kritische Haltung der Truber sei später von vielen nicht gutgeheissen worden.

Auf Kriegsfuss mit Bern

Tatsächlich fasste der Pfarrer aus Trub die Kantonsvertreter nicht mit Samthandschuhen an, zumindest wenn es um die Renovation «seiner» Kirche ging. «Die Decke des Chors droht jeden Augenblick herunterzufallen, ohne dass das Kantonsbauamt, das man vor Jahren schon um energische Gegenmassregeln angegangen, bis heute ein Einsehen gehabt hat», klagt er. Die Kirchenmauern würden «sehr grässlich aussehen» und der Totenhof befinde sich in einem «fast jämmerlichen Zustand». Während die besagten Sanierungen zu dieser Zeit Sache des Staates waren, musste das Kirchenschiff und der Turm von der Kirchgemeinde unterhalten werden.

Schule und Soziales kosten viel Geld

Auch damit, dass die längst fällige Reparation des Turmhelms erst 1895 ausgeführt wurde, bekundet Albert Matthys Mühe, zeigt aber auch Verständnis. Die Gemeinde Trub habe zu dieser Zeit noch dringendere Aufgaben zu lösen gehabt. Neben der grossen Armenlast nennt er die Erstellung neuer Schulhäuser. Zwischen 1875 und 1894 wurden die Schulhäuser Dorf, Twären, Fankhaus und Brandösch gebaut für insgesamt 118’000 Franken, das Schulhaus Ried saniert für 4500 Franken.

Angst, die Kirche zu betreten

Die Truber waren dann froh, als endlich die Kirche an der Reihe war. «Die Reparation des Kirchturmhelmes liess sich nicht mehr ad kalendas graecas verschieben, wenn man nicht eine bedauerliche Katastrophe riskieren wollte», schreibt Matthys. Statt stolz und aufrecht das Kreuz zu tragen, habe die Helmstange einen gar bedenklichen Kreisbogen gebildet, «so dass man befürchten musste, das Ganze werde eines schönen Tages einen grossen Fall thun und das Kirchengebäude durchlöchern. Die Geschichte erschien manchen so heikel, dass sie seit längerer Zeit den Besuch des Gotteshauses nicht mehr wagten!? Abhülfe musste also geschaffen werden, schon um einer allfälligen schnöden und schändlichen Nachrede im Joggeli (humoristisches Beiblatt des Emmenthaler Blattes), die Truber hätten ihren Kirchturm umfallen lassen, zu entgehen.»

Neben dem Baubericht enthält das Dokument auch «Mitteilungen und statistische Angaben, die für ein späteres Geschlecht von Interesse sein dürften». Beispielsweise wird darin berichtet, dass Trub 2567 Einwohner habe; heute sind es 1370. Ebenfalls machte Albert Matthys Angaben über die Verkehrsmittel. Trub verfügte über täglich zweimalige Postverbindung (durch einen Boten) mit Trubschachen. Telefonisch war das Dorf mit dem Netz des Amtes Signau verbunden. Neu wurden auch private Linien erstellt. Auch eine Schmalspurbahn von Trubschachen auf den Napf war einst zur Diskussion gestanden.» Heute herrscht darüber tiefstes Stillschweigen», schreibt Albert Matthys.

Neue Infos fürs spätere Geschlecht

Bevor die Handwerker Helmstange und Kreuz wieder montieren, werden alle Dokumente fein säuberlich verpackt und in den «Knopf» zurückgelegt. Die Baukommission und Felix Scherrer haben zudem Informationen aus der heutigen Zeit zusammengestellt, die ebenfalls in der Kugel Platz finden werden. Somit kann «ein späteres Geschlecht» wieder Interessantes über Trub aus den verschiedenen Epochen erfahren.



Gleich gedeckt wie 1926

1895 wurde der Kirchturm in Trub zum letzten Mal mit Holzschindeln gedeckt. Die nächste Dachsanierung erfolgte bereits rund 30 Jahre später. Diesmal wurde dasmoderne Eternit dazu verwendet. Die Truber versprachen sich vom damals neuartigen Material, dass dieses dauerhafter sei als Holzschindeln. Immerhin hat das Turmdach nun 85 Jahre lang seinen Dienst getan. Die lange Lebensdauer verdanke das Dach weitgehend dem Umstand, dass es sehr steil gebaut sei, dadurch laufe das Wasser schnell ab und die Eternit-Plättchen würden weniger stark beansprucht als bei einer flacheren Dachneigung, sagt Hanspeter Inniger, Dachdecker in Langnau.

9000 kleine Eternit-Plättli

Bei der aktuellen Sanierung durfte seine Firma das Turmdach neu decken. Dabei wurde dieselbe Technik angewendet, wie bei der letzten Sanierung in den 1920-er Jahren – die Steinschindeldeckung. Auf diese Weise würden nur besondere Bauwerke gedeckt, sagt Inniger. Die Technik sei anspruchsvoll und erfordere grosse Erfahrung der Berufsleute. Innigers Mitarbeiter Ueli Kobel ist einer dieser erfahrenen Berufsmänner; er leitete die Dachdeckerarbeiten am Kirchturm in Trub. «Dies ist sicher die Krönung meines Berufslebens», sagt der 62-Jährige. «Ein solches Dach decken zu dürfen, ist einmalig in der Karriere eines Dachdeckers.»

Anders als bei den Eternittafeln für gewöhnliche Dächer sind die Masse der Turmdach-Platten. Während es für ein Normdach acht bis zwölf Platten pro Quadratmeter braucht, benötigte Ueli Kobel für dieselbe Fläche 57 Plättli. Insgesamt hängen nun rund 9000 Plättchen am Turmdach. Anspruchsvoll sind die Arbeiten auch deshalb, weil es am achteckigen Turm viele Kanten und gleichzeitig die zunehmende Dachneigung zu berücksichtigen gelte, so Ueli Kobel.
21.07.2011 :: Jakob Hofstetter (jhk)