Zwei Hundertstelsekunden oder ein paar Zentimeter trennten mich an den Olympischen Spielen von der Weiterverfolgung
meines Medaillentraums. Ich scheiterte hauchdünn an der späteren Olympiasiegerin beim Einzug ins Halbfinale - und
wie auf Knopfdruck schossen in Rekordtempo tausende Bilder durch meinen Kopf. Die meisten stammten
aus den letzten vier Jahren; von den letzten Spielen in Peking über schwere
Verletzungen, den Weltcupsieg, den Verlust einer Teamkollegin, Podestplätze, Reisen an wunderschöne
Orte,
härteste Trainings und prägende «Lehrblätze», die Feiern - wie jene der WM-Medaille im Schangnau - und die
etlichen Stunden des Visualisierens, um im richtigen Moment die Kontrolle über jegliche Gedanken erlangen zu
können. Aber auch Bilder meiner Wegbegleiter. Menschen, die immer an meiner Seite sind, egal ob ich ihnen mit
Freudentränen oder mit den bittersten Tränen der Enttäuschung, des Zweifels oder der Angst
begegne. Diese Bilder kamen
auf, weil der Sportlerkalender in Vierjahreszyklen verläuft - und in diesem Moment wurde die letzte Seite davon
umgeblättert. Wenn man die Hoffnung bis zum Schluss nicht verliert, am Tag X das grosse Ziel zu erreichen,
bricht die Enttäuschung mit
voller Wucht über einen herein. Aber - ist das
eigentlich nicht völlig absurd? Man widmet seine gesamte Energie und Zeit dem Optimieren jedes Erfolgsfaktors.
Und dann passiert genau an diesem Tag, in dieser einen Minute, etwas, das nicht passt - und man ist
weg. Nüchtern betrachtet,
verbringen die meisten Spitzensportler 99 Prozent ihrer Zeit mit Wiederholungen. Und wenn es gut läuft, stehen
am Ende des Jahres ein paar
persönliche Bestwerte im Kraftraum und zwei Podestplätze auf der Autogrammkarte. Und
vielleicht liegt
genau darin die Schönheit - und die Brutalität - unseres Sports. Wir arbeiten vier Jahre für einen Moment, der
wegen ein, zwei Hundertsteln vorbei sein kann - und einen Wettkampf, welcher funktioniert wie jedes normale
Weltcuprennen. Wichtig dabei ist,
sich bewusst zu sein, dass diese zwei Hundertstel nicht den eigenen Wert bestimmen. Sie machen die harten
Trainings, die überwundenen Verletzungen, Tränen, Freundschaften, das Wiederaufstehen nach Rückschlägen und
persönliches Wachstum nicht weniger wertvoll. Eine Medaille hätte
diesen Weg vergoldet, aber sie hätte ihn nicht kostbarer gemacht, denn wie man so schön sagt: Der Weg ist das
Ziel. Und genau hier beginnt
das nächste Kapitel meiner Agenda.