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Viel Feind, viel Macht

Das, was man bekämpft, gibt einem die Daseinsberechtigung. Das kann man momentan gut beobachten. Je mehr Hitzetage und darum Angst vor den Folgen der Klimaerwärmung, desto mehr Stimmen erhalten die grünen Parteien. Je mehr Migranten und Flüchtlinge in der Schweiz, umso mehr profitieren die rechten Parteien. Aber im Moment verlieren sie eher, weil diese Zahlen zurückgehen. Und sollte der Fall eintreffen, dass es keine Migration mehr gibt, würden gewisse Parteien in der Schweiz überflüssig.

Ganz ähnlich ist es auch der Kirche ergangen. Sie hatte einst einen starken Feind, vor dem alle zitterten: die Sünde. Die Angst vor ihr und vor den Strafen trieb die Menschen in die Kirche und gab ihr eine entsprechende Macht – die sie leider ab und zu auch nicht ganz uneigennützig ausspielte. Mit der Reformation begann dann der Abstieg: Sündenvergebung wurde plötzlich gratis – aus Gnade, hiess die Formel – und die Macht begann zu bröckeln. Mit der Aufklärung beschleunigte sich dieser Prozess, die Angst vor Hölle und Fegefeuer schwand, und daran war die (jedenfalls reformierte) Kirche auch ein wenig selber schuld: Sie förderte Bildung und Wissenschaft. Und der heutige Mitgliederschwund ist eine direkte Folge davon. 

Ist dieser Machtverlust schlimm? Nein. Es sollte ihr gefallen, wenn die Menschen glücklich und erlöst leben und sie sie deshalb nicht nötig haben. Aber für die anderen, die das nicht können, sollte sie da sein. Trost spenden, Hoffnung geben, Unrecht beim
Namen nennen, Gemeinschaft ermöglichen, Menschen zu guten Taten ermutigen. Das ist ihre Kernkompetenz. Und nicht eine Frage der Macht, sondern des Dienens. Und wenn dann irgendwann alles gut ist auf der Welt, braucht es sie nicht mehr.
Das wusste die Kirche schon immer. Sie ist ein Provisorium, ein schon ziemlich altes…

11.07.2019 :: Samuel Burger, reformierter Pfarrer, Konolfingen

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