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Zahm und doch distanziert
Zahm und doch distanziert Vorsichtige Tiere:

Seit 2012 züchtet Michael Flückiger aus Trub Alpakas. Als Präsident des Vereins Neuweltkameliden Schweiz will er die Haltung von Lamas und Alpakas fördern. 

Gebannt und mit hochaufgerichteten Köpfen blicken die Alpakas in Richtung Hügel auf der angrenzenden Weide. Rasch ist allerdings erkannt, dass der Herde keine Gefahr droht – es ist nur der benachbarte Bauer, der für seine Kühe Gras mäht. «Die Alpakas sind unglaublich aufmerksam. Sie prüfen immer wieder ihre Umgebung auf mögliche Feinde», erklärt Michael Flückiger das Verhalten der Tiere. Seit diesem Jahr ist er Präsident des Vereins Neuweltkameliden Schweiz (siehe Kasten). Er züchtet seit 2012 gemeinsam mit seiner Frau Anne Alpakas. 

Nebst dem Alpaka hat auch das Lama, die zweite Neuweltkamelidenart, seinen Weg in die Schweiz gefunden. «Das Alpaka hat eher einen eigenwilligen, etwas sturen Charakter, das Lama hingegen ist arbeitswilliger», sagt Anne Flückiger. Obwohl das Alpaka eine Schulterhöhe von zirka 80 Zentimetern und rund 70 Kilogramm Körpergewicht aufweist, ist es für das Tragen von Gepäck nicht geeignet. «Das Lama bringt bei einer Schulterhöhe von bis zu 130 Zentimetern ein Gewicht von zirka 120 Kilogramm auf die Waage. Es ist ein hervorragendes Lasttier und beliebt als Begleiter bei Trekking-Touren», erklärt Anne Flückiger. 

Exotische Weidepfleger

Aktuell halten die Flückigers 21 Alpakas, davon ist eines ein zweimonatiges Hengstfohlen. Die anderen männlichen Tiere weilen bei Bekannten in Ersigen. «Die Stuten leben bei uns in einem Freilaufstall und haben eine halbe Hektare Weideland zur Verfügung. Zusätzlich haben wir ein Abkommen mit dem Nachbarn, dass unsere Tiere in seinem steilen Gelände grasen dürfen», sagt Michael Flückiger. Da sie ein geringeres Gewicht als Rinder oder Kühe haben, verursachen sie keine Trittschäden und eignen sich somit zur Weidepflege. Dazu komme, dass die Tiere die Gräser nicht rupfen, sondern abbeissen würden. «Die Alpakas stammen ursprünglich aus den kargen Regionen der Anden. Sie sind sich gewohnt, auch dorniges Gestrüpp zu fressen, welches andere Weidetiere verschmähen.» Das exotische Tier erweise sich als idealer Bewohner des hügeligen Emmentals.

Obwohl die Alpakas genügsam und robust sind, macht ihnen das Leben fern der Heimat doch in einem Punkt Mühe: die Parasiten. «Die Tiere sind erst seit rund 30 Jahren bei uns in der Schweiz heimisch. Ihre Abwehr gegen hiesige Parasiten ist noch nicht genügend adaptiert, was einen gezielten Behandlungsplan nötig macht», sagt Anne Flückiger. Es sei für die Gesundheit der Alpakas entscheidend, dass genau kontrolliert und beobachtet werde. «Die Alpakas weisen immer noch einen starken Wildtiercharakter auf. Das heisst, sie zeigen sehr spät an, wenn es ihnen schlecht geht.» Das bedeute für den Halter, dass er seine Alpakas gut kennen müsse, um kleine Verhaltensveränderungen zu erkennen und umgehend zu reagieren – bevor eines ernsthaft erkrankt sei. 

Der Hund staunt

Auch die Familie Flückiger verbringt viel Zeit damit, ihre Herde zu beobachten. «Wir halten unsere Tiere zur Freude. Für uns steht die Faszination für die Exoten im Vordergrund», betont Michael Flückiger. Inte-
ressant sei zum Beispiel gewesen, wie ihr Schäferhund auf die Alpakas reagiert habe. «Natürlich ging er davon aus, dass sie wie Schafe in wilder Flucht davonrennen, wenn er versucht, sie aufzuscheuchen», berichtet er. Weit gefehlt! Die Alpakas sind keine Fluchttiere, sie stellen sich entschieden der Gefahr. «Sie greifen ihre Gegner mit den Vorderbeinen an, sie beissen oder drehen sich blitzschnell um und schlagen aus. In ihrer Heimat müssen sie sich gegen Angreifer wie zum Beispiel den Puma zur Wehr setzen.» Ein Schäferhund sei also kaum ein ernstzunehmender Gegner. 

Dieser angeborene Herdenschutztrieb möchte sich der Mensch zunutze machen. «Es laufen Versuche, Lamas und Alpakas in Herdenschutzprogramme einzuschliessen. Die ersten Ergebnisse sind positiv», freut sich Michael Flückiger. 

Rangordnung wird geklärt

Und wie ist das mit dem Spucken? «Die Alpakas wie auch die Lamas spucken nur, wenn sie sich ernsthaft bedroht fühlen. Man sagt ihnen zu Unrecht nach, dass sie die Menschen ohne Grund anspucken», verteidigt der Züchter die Tiere. Die zurückhaltende, freundliche Art der Alpakas hat es der Familie Flückiger angetan. «Ich schätze die Ruhe, welche die Tiere ausstrahlen. Obwohl sie zahm werden, halten sie immer etwas Distanz», schwärmt Anne Flückiger. Trotz ihres grossen Jöh-Effekts seien sie keine Kuscheltiere. Vor allem die flauschigen Fohlen verleiteten dazu, sie zu verhätscheln. Dadurch verlören sie aber ihre natürliche Scheu, und das könne gerade bei den heranwachsenden Hengsten gefährlich werden. «Der Hengst betrachtet später den Menschen als Herdenmitglied und wird die Rangordnung klären wollen.» 

Wolle für Bettwaren

Jedes Frühjahr scheren Michael und Anne Flückiger ihre Alpakas. Die feine Haarfaser eignet sich nebst der Weiterverarbeitung zu hochwertigem Garn auch zur Herstellung von Bettwaren. «Wir liefern die Wolle an die Firma Alpakaland Schweiz GmbH, welche die Fasersammlung, die Herstellung und den Verkauf der Bettwaren koordiniert. Die Produkte der Marke Best Alpaca Bedding sind garantiert aus reiner Alpakawolle aus der Schweiz», versichert Michael Flückiger. 

Es sei ein Teil der Vermarktungs- und Werbestrategie, dass die Tiere bei ihnen auf dem Hof besucht und angefasst werden könnten. «Wir möchten zeigen, wie die Tiere bei uns leben und wie sich ihre feine Wolle anfühlt», erklärt Michael Flückiger. 



Rund 8000 Tiere

Seit diesem Jahr steht Micheal Flückiger dem Verein Neuweltkameliden Schweiz als Präsident vor. Der Verein umfasst die Halter von Alpakas und Lamas. «Uns ist es wichtig, künftig alle Landesteile der Schweiz ins Boot zu holen. Gerade in der französischsprachigen Schweiz gibt es immer mehr Alpaka- und Lamahalter.» 

Zurzeit gibt es in der Schweiz und 2800 registrierte Lamas und zirka 5500 Alpakas, Tendenz steigen. Als anerkannte Zuchtorganisation ist der Verein unter anderem zuständig für die Führung des Herdenbuchs, die Zuchttätigkeiten und die Geburtenmeldungen. «Aktuell befassen wir uns mit unserem 25-Jahre-Jubiläum, welches wir nächstes Jahr feiern. Es wird im Frühling eine Show in der Emmental
Arena in Schüpbach geben und im Spätsommer eine internationale Tagung.»

 

24.10.2019 :: Veruschka Jonutis
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