Anmelden
Wohlstandssuppe
Kolumne:

Diesen Frühling war ich zusammen mit einer Kollegin im Ausgang und wir besuchten ein gutbürgerliches Restaurant im oberen Emmental. Im Eingangsbereich waren dekorativ auf einer Tafel die Menüvorschläge aufgeführt. Mir stiess das Menü 2 mit einer Spargelsuppe ins Auge und in Gedanken sofort in meinen Magen. Am Tisch neben uns sass ein gut situiertes Paar und studierte die reichhaltige Speisekarte. In einer Gesprächspause mit meiner Kollegin – wir waren in unsere Menüauswahl vertieft – belauschte ich das Paar am Nebentisch. Ich weiss natürlich, dass man nicht andere belauscht, man oder besser ich machte dies aber gleichwohl. Das mir unbekannte Paar tat sich offensichtlich schwer, in der Speisekarte eine gute Wahl für ihre Vorlieben zu treffen. Als die Serviceangestellte die Bestellung am Nachbartisch aufnehmen wollte, wurden fast sämtliche Menüvorschläge aus der Speisekarte panaschiert, kumuliert und neue zusammengestellt, wie ein Wahlzettel einer Gemeinderatswahl. Offensichtlich war die Auswahl zu gross und das Paar konnte sich einfach nicht für ein Standardmenü entschliessen. Nachdem die Serviceangestellte – zwischenzeitlich mit einem leicht genervten Augenrollen – nun doch die Wünsche -aufnehmen konnte, verschwand diese in der Küche. In dieser Phase wurde ich mir gedanklich bewusst, mit welchen Wohlstandproblemen wir uns auseinandersetzen «müssen». Nehmen wir das Menü mit Suppe und Dessert, das Menü mit Salat und Vorspeise, das Menü Standard oder mit Zusatz? Können sich diese Fragen alle Menschen auf der Welt stellen? Bei weitem nicht, viele wählen höchstens zwischen Suppe oder überhaupt keiner Suppe! Viele Personen hier in der Schweiz können aus einer grossen Auswahl von leckeren Produkten wählen und aus dem Vollen schöpfen.

So war ich in Gedanken versunken in die Privilegien der westlichen Welt. Sogleich kam die Serviceangestellte an unseren Tisch und nahm die Bestellung auf. Anfänglich überzeugt, dass ich ein gutes Stück Fleisch wieder mal mit Pommes Frites und Salat essen will, kam ich nun ins Wanken. Mit einem leicht faden Geschmack auf der Zunge entschied ich mich, ganz einfach die feine Spargelsuppe zu bestellen. Im Vergleich mit anderen Menschen auf der Welt konnte ich auch bei der Suppe auswählen und mir im wahrsten Sinne eine «Wohlstandssuppe» gönnen. 

In Gedanken, dass es nicht allen so gut geht, habe ich die Suppe bewusst gegessen und jeden Löffel genossen.


06.06.2019 :: Monika Gfeller, Grünenmatt
Meistgelesene Artikel
«Respekt und geistige Stärke gehören zum Karate»
Karate: Die 16-jährige Larissa Ruch hat klare Ziele: Dieses Wochenende will sie den dritten Teil der...
«Meine Kinder haben mich an Heiligabend eingeladen, aber ich möchte gar nicht hingehen,...
Verlegt Swiss Bankers den Hauptsitz, fehlt rund ein Steuerzehntel
Grosshöchstetten: Die Gemeinde rechnet mit deutlich sinkenden Steuereinnahmen von juristischen Personen,...
Ein kleines Kind in der Krippe. Um seine Geburt ranken sich zahlreiche Geschichten und Legenden....
Vo früecher: Itz luege mir no d Chäserei vor Gmein Signou a. Die «auti» Chäserei z...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr