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Wie zu Grossvaters Zeiten
Pferdeschlitten im Wald:

Um geschlagenes Holz aus dem unerschlossenen Wald zu transportieren, spannen Schangnauer Bauern die Pferde vor den Schlitten – so wie sie es bei ihren Grossvätern und -Vätern gelernt haben.

 

«Halt!», weist Hans Gerber seine 13-jährige Stute Elvira zurecht. Eigentlich hat sie nichts falsch gemacht, wollte bloss einen Schritt oder zwei nach vorne rücken. Doch dies verträgts nicht. Das Pferd muss ruhig stehen, während Hans Gerber und seine Holzerkameraden Fritz Bürki und Fritz Egli den Schlitten mit Trämmeln beladen. Elvira hat verstanden. Sie steht nun still wie ein Bock. Damit das Pferd nicht erneut auf falsche Gedanken kommt, hält Miriam Egli es an der Halfter. Die junge Frau ist heute zusammen mit ihrem Vater zum Holzführen ausgerückt – mit einem eigenen Schlittenfuhrwerk. «Ich kann selten dabei sein und mache dies nur hobbymässig», sagt die Verkäuferin. 

Mit dem Beladen des Schlittens kommen die drei Männer gut voran. Fritz Egli an der Seilwinde rückt einen fünf Meter langen und mehr als eine Tonne wiegenden Stamm möglichst nahe  heran. Hans Gerber löst das Seil und verschiebt es in die Mitte des Stamms. Fritz Egli zieht ihn dann mit der Seilwinde langsam empor. Gerber und Bürki bringen den über dem Schlitten schwebenden Koloss in die richtige Position, Egli lockert das Seil, und die beiden Kameraden platzieren den Stamm – mit Zapin, Kehrhaken und wenns sein muss mit grossem Krafteinsatz – fast zentimetergenau auf das Querholz des Gefährts. Hans Gerber mustert die Ladung und meint: «E Chlynere mas no erlyde.» 

Die Grossväter schlugen das Holz im Herbst

Die drei Männer haben grosse Erfahrung mit dieser Art Holztransport. «Bereits mein Grossvater hat das Holz mit Ross und Schlitten aus dem Wald geholt, mein Vater ebenfalls und ich mache das nun seit 46 Jahren», sagt Fritz Egli. Ihre Väter und Grossväter hätten die Tannen jeweils im Herbst gefällt und im Wald gelagert. So stand im Winter, wenn der Wald tief verschneit und das Holzen fast unmöglich war, nur noch der Transport an. 

Heute sind die Bauern mit Motorsäge und Seilwinde ausgerüstet. Der Holzschlag im unwegsamen nicht erschlossenen Gelände ist bei viel Schnee zwar immer noch aufwändig, aber doch möglich.

Ein langer Weg bis in den Habchegg-Wald

Fritz Bürki und Miriam Egli fahren mit je einer Ladung Holz vom Habchegg-Wald Richtung Kemmeriboden auf den Lagerplatz Harzisbode. Die beiden andern Pferde müssen noch auf ihren Einsatz warten. Vorerst muss Holz gerüstet werden. Ihre Meister fällen eine Tanne, entasten und zersägen sie in fünf Meter lange Trämmel. 

Von weitem hört man die Schellen von Pferdegeschirren, kurz darauf kommen die beiden Fuhrwerke mit den schnaubenden Pferden den steilen, schmalen Pfad hinauf, zurück zum Holzerplatz. 

Es ist Mittag. Die Tiere erhalten eine Portion Hafer, die Holzerleute kramen ihre Thermos-Gefässe hervor. Die Mittagsrast ist kurz. Die vier Schlitten zu beladen braucht seine Zeit, die anschliessende Fahrt zum Lagerplatz auch. Zu spät dürfen sie nicht talwärts fahren, schliesslich muss jeder der drei Bauern am Abend den Stall besorgen.

Ein Gewinn, wenn auch kein grosser

Dass die Schangnauer Bauern mit ihrem altertümlichen Holzführen vergangene Zeiten der Holzwirtschaft aufleben lassen, ist nur ein Nebeneffekt ihres Tuns. «Fritz Egli und ich kaufen das Holz ab Stock von der Waldeigentümerin, der Bergschaft Habkern. Fritz Bürki und manchmal auch andere arbeiten bei uns im Lohnverhältnis», erklärt Hans Gerber. Würden sie das Holz nicht mit den Rossen führen, blieben als einzige Alternativen in diesem Wald die Seilbahn oder der Helikopter. Beides sei eine teure Angelegenheit. Ist dies denn mit den Pferden wirtschaftlicher? «Es luegt ömu chly öppis use drby», sagt Hans Gerber. «Jedenfalls mehr, als wenn wir zuhause sitzen und jammen würden», schiebt er nach. Dazu komme, dass in Schangnau manch einer Pferde halte, und diese sollten eingesetzt werden. «De Ross tuet di Arbit guet – u üs o», sagt er und lacht. Wie bei den Eglis hat auch in seiner Familie das Holzführen eine lange Tradition. Sein Vater war bis vor kurzem stets mit von der Partie. Hans Gerber geht davon aus, dass bei ihnen in Schangnau auch in Zukunft mit Pferden Holz geführt wird. «Unsere Söhne sind, wenn immer möglich, dabei. Wie sie heute ankündigen, wollen sie diese Tradition dereinst weiterführen», sagt der 48-jährige Landwirt. 

Kurzfilm

Hier gehts zum Kurzfilm der Schangnauer Holz-Fuhrmänner:

www.wochen-zeitung.ch/wz-tv

 

14.02.2019 :: Jakob Hofstetter
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