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Wie stirbt man heute?
Wie stirbt man heute? Mehr zu entscheiden als früher:

Pfarrer Samuel Burger ist Mitorganisator der Vortragsreihe «Wie stirbt man heute?», welche kommende Woche in Konolfingen beginnt. Auch in Langnau und Oberdiessbach sind Veranstaltungen zu dem Thema geplant. 

Samuel Burger, woher rührt das Interesse am Tod und am Sterben? 

Etwas salopp gesagt: Früher ist man einfach gestorben – heute ist es etwas komplizierter. Wir müssen, was das Sterben anbelangt, viel mehr Entscheide fällen – und diese werfen Fragen auf. 

 

Zum Beispiel? 

In einem Beitrag über neue Paradigmen des Sterbens habe ich gelesen, dass in fast 60 Prozent der medizinisch begleiteten Todesfälle das Sterben erst erfolgt, nachdem entsprechende Entscheide – in der Regel geht es um passive Sterbehilfe – gefällt worden sind. Jemand muss also entscheiden, jetzt stellen wir die Geräte ab oder machen diese Behandlung nicht mehr. Solche Fragen stellten sich vor Jahrzehnten viel weniger. 

 

Wird der Tod daher immer mehr verdrängt?

In gewisser Weise ja. Es findet aber auch ein Wandel in der Gesellschaft statt: Ältere Personen werden heute eher mit Attributen wie «aktiv» und «unternehmenslustig» in Verbindung gebracht und weniger mit dem Ende des Lebens. 

 

Dennoch ist der Tod unausweichlich. 

Daher ist es wichtig, sich Gedanken zum Sterben und zum Tod zu machen. Ich rate jeweils auch, diese Gedanken mit den Angehörigen zu teilen. Dabei geht es nicht nur um Patientenverfügungen oder die Anordnungen für den Todesfall. Es geht um mehr. Für die Angehörigen ist es leichter den Tod zu akzeptieren, wenn die verstorbene Person beispielsweise erklärt hatte «Ich hatte ein gutes Leben» oder sich auch entschuldigt hat für Fehler. Ein Satz wie «Ich habe euch damals nicht immer gut behandelt», kann vieles bewirken.   

 

Aufräumen. Loslassen.

Loslassenkönnen ist eine wichtige Eigenschaft. Das beginnt eigentlich schon viel früher, so mit 30 oder 35 Jahren. In dieser Lebensphase muss man bereits erste Träume aufgeben. Ich habe auch schon oft festgestellt, dass manche Menschen erst sterben können, wenn diese oder jene Person noch am Sterbebett war. Umgekehrt ist mir auch des Öftern zu Ohren gekommen, dass ein Mensch gestorben ist, wenn jemand die Totenwache kurz unterbrochen hat, um kurz auf die Toilette zu gehen – er wollte einfach alleine gehen. 

 

Räumen die Menschen auch auf, wenn der Pfarrer zu Besuch kommt? 

Vielen tut es gut, mit einer aussenstehenden Person sprechen zu können. Ich stelle in solchen Gesprächen immer wieder fest, dass materielle Dinge weit in den Hintergrund treten. Oft erfährt man von intensiven Beziehungen oder prägenden Begegnungen. 

 

Was lernen Sie für sich persönlich aus solchen Besuchen?

Dass ich eigentlich einen privilegierten Beruf habe, bei dem ich mich immer wieder mit dem Loslassen und dem Sterben auseinandersetzen muss. Der Tod kann uns auch eine Lektion erteilen: Merken, dass auch ich endlich bin. Bewusster Leben. Sich weniger wichtig nehmen.

 

Die Kirche wird beim Tod offenbar als wichtig erachtet – oder ist es nur eine Tradition, eine kirchliche Bestattung zu machen?

Ich bin überzeugt, dass an den Schnittstellen des Lebens ein Interesse an «Mehr» oder am Segen von Gott besteht. Das ist in anderen Phasen auch so: Plötzlich steht der einstige Konfirmand, den man einige Jahre nie gesehen hat, vor der Türe und fragt nach einer Trauung. So geht das heute. Es ist ja nicht das vordringliche Ziel der Kirche, möglichst viele Besucher im Gottesdienst zu haben, sondern den Menschen generell zu helfen, ein ehrliches, aufrechtes Leben nach christlichen Werten zu führen. 

 

Waren Sie auch schon mit assistierter Sterbehilfe, Stichwort Exit, konfrontiert? 

Nur in ganz wenigen Fällen. Wie erwähnt, ist der Fall, bei dem Angehörige über Leben und Tod entscheiden müssen, viel häufiger. Wenn jemand mit Exit aus dem Leben scheiden will, bringt das mit sich, dass man sich sehr bewusst mit dem Tod auseinandersetzen muss. Der Zeitpunkt ist in der Agenda eingetragen. Für viele Angehörige ist das eine sehr ungewohnte Art, Abschied zu nehmen, was auch sehr belastend sein kann. 

 

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Angebote für palliative Betreuung.  

Mittlerweile gibt es da sehr gute Angebote von Spitälern aber auch von der Spitex. Es ist sicher sinnvoll, dass jemand möglichst wenig leiden muss während des Sterbens. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt. Es läuft die Musik, die er gerne hört, oder ein Raucher wird auch mal für eine Zigarette auf den Balkon geschoben. 

Selber bestimmen, solange man selber bestimmen kann

«I sött emau.» Das sagen sich viele Menschen und schieben das Thema Vorsorgen für eine allfällige Urteilsunfähigkeit vor sich her – dabei steht beim Erwachsenenschutzgesetz die Selbstbestimmung im Zentrum. «Seit das Gesetz in Kraft ist, haben wir viel mehr Fragen zu Vorsorgedokumenten», erklärt Monika Studer, Sozialberaterin an der Pro Senectute Beratungsstelle Konolfingen. Die Gespräche seien unterschiedlich, wie die Menschen auch. «Manche haben sich bereits informiert, andere wollen sich erst einen Überblick verschaffen.» Dass es gar nicht so einfach ist, den Überblick zu gewinnen, zeigt sich, wenn man die Mappe «Docupass» durchblättert. «Das Ausfüllen der Vorsorgedokumente ist freiwillig», hält Studer fest. «Aber es ist sinnvoll, wenn man sich zumindest Gedanken macht.» 

Patientenverfügung: Hier kann definiert werden, welche Behandlungen beispielsweise bei einer schweren Hirnschädigung noch gemacht werden sollen. Ebenfalls kann man festhalten, ob man Organe spenden will. 

Anordnungen für den Todesfall: Hier werden Wünsche rund um die Bestattung angegeben. «Nützlich ist beispielsweise auch eine Liste mit Adressen für das Zirkular», hat Monika Studer die Erfahrung gemacht. «Sich über die eigene Beerdigung Gedanken zu machen, ist nicht einfach, kann aber auch entlastend wirken.» 

Vorsorgeauftrag: In diesem handschriftlichen Dokument wird definiert, wer einen in persönlichen Belangen und im Rechtsverkehr vertritt, falls man nicht mehr urteilsfähig ist. «Der Vorsorgeauftrag ist wichtig. Eine Vollmacht wird von Banken im Falle einer Urteilsunfähigkeit nicht mehr anerkannt», weiss Monika Studer. 

Testament: Hier wird bestimmt, an wen die Hinterlassenschaft geht. «Bei komplizierten Fällen werden oft Notare beigezogen», erklärt die Pro Senectute-Beraterin. 

Vorsorgeausweis: Das ist ein Papier in Kredikartengrösse, das im Portemonnaie mitgeführt wird. Darauf ist festgehalten, welche Dokumente man erstellt hat. 

07.02.2019 :: Bruno Zürcher
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