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Mit bis zu 100 km/h den Hang heruntersausen
Mit bis zu 100 km/h den Hang heruntersausen Grasski:

Der Grasskiclub Escholzmatt-Marbach beschenkt sich gleich selber: Zum 40-jährigen Bestehen organisiert der Verein die Weltmeisterschaften auf der Marbachegg.

Die Grillen zirpen, es riecht nach Heu und die Sonne zaubert ein goldenes Licht über die Marbachegg. Doch dafür haben Stefan Portmann und Martin Schacher gerade keine Augen. Sie ölen ihre Grasskier und zwängen sich in ihre Rennanzüge. «Das Ausrüstungsreglement ist das gleiche wie bei den Alpinen», erklärt der 35-jährige Familienvater Stefan Portmann aus Wiggen. Er und der 24-jährige Martin Schacher aus Escholzmatt gehören zur Grasski-Elite der Schweiz. Zusammen trainieren sie noch an einem der letzten Abenden vor den Heimweltmeisterschaften auf ihrer Heimpiste, der Marbachegg. «Diese Strecke ist im Gegensatz zu den anderen Weltcuppisten speziell, weil sie nicht gerade und eben verläuft, sondern diverse Wellen aufweist. Um hier sauber herunter zu kommen, muss man wissen, wann und wo man die Kurven ansetzt», erklärt der Lokalmatador und WM-Hoffnungsträger Stefan Portmann. Es sei schon ein Vorteil gegenüber den anderen, dass sie hier trainieren könnten, meint der Nachwuchsfahrer Martin Schacher. Doch das gleiche sich wieder aus, wenn dann das nächste Weltcuprennen oder die nächste WM an einem anderen Ort stattfinde.

Zum Grasskifahren bevorzugen die beiden Entlebucher sommerliches Wetter, nicht zu heiss, kurz geschnittenes Gras und ein nicht allzu trockener Untergrund. Sie hätten grosses Glück, erzählen die Lokalmatadoren zwischen zwei Läufen, dass der Bauer, dem das Land gehöre, selber passionierter Skifahrer sei und deshalb die Grasskifahrer unterstütze. Er mähe das Gras und stelle Land und Wiese zur Verfügung für die Trainings, die Weltcuprennen und nun für die Weltmeisterschaften, die vom 13. August bis 18. August stattfinden (siehe Kasten). 

 

Wie eine grosse Familie

Die Grasski-Gemeinschaft sei wie eine grosse Familie, betonen die beiden. «Am Renntag sind wir natürlich Konkurrenten, da geht es um Zehntelssekunden und den Erfolg», erzählt Stefan Portmann. Aber sonst gehe man sehr kollegial miteinander um. «Es ist toll, Leute aus der ganzen Welt kennenzulernen. Wir waren unter anderem schon in Japan und im Iran unterwegs.» Sowohl bei Stefan Portmann als auch bei Martin Schacher ist die ganze Familie engagiert, sei es während der Saison beispielsweise beim Begleiten an die Rennen oder auch beim Vorbereiten der Saison, beim Organisieren von Weltcuprennen und nun im OK der Heim-WM. Die zwei Athleten können sich also vollumfänglich auf das Sportliche konzentrieren. 

Der Druck ist gestiegen

«Ich habe im Herbst mit dem Aufbau begonnen und kam bisher ohne Verletzungen durch. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung. Jetzt muss ich einfach bis zur WM gesund bleiben und vor allem am Mentalen arbeiten», erzählt Stefan Portmann, der wöchentlich 15 Stunden Kondition trainiert. Der Druck auf ihn sei schon etwas gestiegen. «Plötzlich ist ein Rummel entstanden, es rufen fast täglich Journalisten an, die etwas von mir wollen, und im Dorf werde ich oft angesprochen.» Natürlich sei es schön, wenn die Leute Interesse zeigten, aber wenn alle einen Sieg erwarteten, setze das auch Druck auf, so der Hoffnungsträger Portmann, der schon seit 26 Jahren Grasski fährt. Er konnte schon etliche nationale und internationale Erfolge feiern. Nur eine Medaille an einer WM, die fehlt bis jetzt in seiner Sammlung.

Auch fürs Material verantwortlich

Martin Schacher malt sich natürlich auch Chancen aus an der Heim-WM: «Ein Platz in den Top 20 wäre für mich toll.» Er hat zum Grasskifahren gewechselt, weil er im Alpinen nicht mehr weiterkam. Trainieren müsse er nun genauso, vor allem Kraft, Kondition und natürlich Technik. Er arbeite tagsüber 100 Prozent und mache jeden Abend etwas fürs Grasskifahren, wenn nichts Sportliches, so der Unterhalt der Skier, umreisst Schacher den Aufwand, den er betreibt. «Wir sind unsere eigenen Servicemänner. Wir müssen unser Material selber pflegen und sind somit auch allein dafür verantwortlich, ob es fährt oder nicht», so der 24-Jährige. 

 

Schmieren, statt wachsen

Ein Grasski ist eine Art Panzerraupe mit ungefähr 150 Rollen pro Paar. Vor dem Lauf wird also nicht gewachst, sondern geschmiert, und zwar mit einem biologisch abbaubaren Öl. Sowohl Portmann als auch Schacher werden zu gewissen Teilen gesponsert. Ein Rennset an Rollen kostet um die 60 Franken. Und wer schnell sein will, nimmt natürlich für jedes Rennen ein neues Set. Auch verschiedene Längen gibt es und je nach Disziplin wird etwas Wendigeres oder Stabileres gewählt.  

 

Bremsen kann man nicht

Gefahren wird in den Disziplinen Slalom, Riesenslalom, Super-Kombination und Super-G. Da könne man schon eine Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erreichen, erzählt Stefan Portmann. «Wer auf den Grasskiern steht und die Piste herunterfährt, muss das mit Überzeugung machen, denn bremsen kann man nicht.» Im Ziel angekommen, wird einfach eine grosse Kurve gefahren bis es wieder bergauf geht und es von alleine bremst. Und mitten im Lauf? «Wenn du einen Fehler machst, brauchst du einen Plan B. Sonst wirds gefährlich. Genau darum macht mir aber das Grasskifahren Spass», meint Martin Schacher. 

Auch Portmann fasziniert das Tempo: «Ich brauche den Geschwindigkeitsrausch und das Adrenalin. Die Überwindung, die es braucht, volles Risiko einzugehen, hat man im normalen Leben nicht.» Einen so hohen Puls gebe es nur in einem lebensbedrohlichen Moment oder eben in einer Rennsituation, sagt Portmann nach dem letzten Trainingslauf. 

Mittlerweile ist die Sonne ganz untergegangen, es dunkelt ein auf der Marbachegg und wird ruhig. Die beiden Grasskifahrer schälen sich wieder aus den Skischuhen und dem Dress, packen ihre Ausrüstung zusammen und sind auch bereit für den Feierabend. 

 

Grasski-WM Marbachegg vom 13. bis 18. August

Vom 13. bis 18. August steht die Marbachegg ganz im Zeichen der Grasskifahrer. Erwartet wird die Weltelite aus zehn Ländern, rund 20 Damen und 50 Herren. Die Fahrerinnen und Fahrer müssen die nötigen FIS-Punkte vorweisen, um an der WM starten zu können. 

Die Grasski-WM findet, wie im alpinen Skisport, alle zwei Jahre statt und wird vom internationalen Skiverband FIS vergeben sowie auch von dessen Vertretern überwacht. Die Wettkämpfe würden nach den Richtlinien der FIS durchgeführt, erklärt die OK-Vize-Präsidentin, Madeleine Portmann. Finanziell unterstütze die FIS die Grasski-WM nicht, im Gegenteil, die Einschreibgebühren gingen direkt an den Verband. Dennoch: «Wir freuen uns ausserordentlich, endlich eine WM austragen zu dürfen. Dass dies mit dem 40-jährigen Bestehen des Klubs zusammenfällt, ist reiner Zufall, aber umso schöner», sagt die Mutter von Stefan Portmann. Der Grasskiclub habe die Kandidatur schon vor einiger Zeit eingereicht. 

WM ist eine Nummer grösser

Weltcup-Rennen haben schon einige stattgefunden auf der Marbachegg, entsprechend hätten sie schon Erfahrungen sammeln können mit Grossanlässen, berichtet der Chef Bau, Walter Schacher. «Die WM ist aber trotzdem noch eine Nummer grösser, denn an den Weltcuprennen nehmen üblicherweise nicht so viele Athleten aus Übersee teil. An der WM sind auch etliche Asiaten dabei», so der Vater von Martin Schacher. Das habe sie veranlasst, drei Athleten-Zelte aufzustellen, statt wie beim Weltcup nur eins. 

Alles im Griff

Das OK ist ein eingespieltes Team und bis jetzt auf Kurs, wie Portmann und Schacher bestätigen: «Wir wissen, was wir noch zu tun haben und sind im Zeitplan.» Für die Bauten stehen zehn Zivilschützer zur Verfügung. Ansonsten sind 75 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Weil der Anlass auf der Marbachegg stattfindet, braucht es neben dem Berggasthaus und dem Pistenbeizli von Andy Wyss kein zusätzliches Verpflegungsangebot. Die grösste Herausforderung sei es gewesen, die nötigen Sponsoren zu finden, gibt Madeleine Portmann zu. Die Kosten des Anlasses werden auf gut 160’000 Franken geschätzt. Einen grossen Teil würden die Bergbahnen übernehmen, so die Vize-
Präsidentin. Bei schönem Wetter werden bis zu 1500 Besucherinnen und Besucher erwartet.

 

WM-Programm

Dienstag: ab 18 Uhr Eröffnungs-zeremonie im Mehrzweckgebäude Marbach.

Mittwoch: ab 11.30 Uhr Super--Kombination -(Super-G und Slalom).

Donnerstag: ab 11.15 Uhr Riesen-slalom (zwei Läufe).

Freitag: Jokertag

Samstag: ab 11.15 Uhr Slalom (zwei Läufe); ab 20 Uhr Grasski-WM-Party auf der Marbachegg.

Sonntag: Super-G ab 11.30 Uhr. opk.


 

08.08.2019 :: Olivia Portmann
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