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Mein Freund Broti ist tot

«Ihr Deutschen esst gern Schwämme, gäu?», stellte neulich eine Bekannte schmunzelnd am Brotregal des Signauer Supermarkts fest. Zuvor hatte ich ihr von meinen Brotproblemen hierzulande vorgejammert. «Viel zu leicht», maulte ich, «und löcherig, und oft zu weiss.» Was habe ich es als kleines Mädchen geliebt, Brot holen zu gehen im Tante-Emma-Laden unseres hessischen Kaffs. Ein Kilo schwer war dieses kompakte Roggenmischbrot, auch Graubrot genannt, noch fast warm und mit einer glänzenden dunklen Kruste überzogen. Auf dem Weg nach Hause biss ich immer das Ende ab, was ich knurpsend verspeiste, um dann das
Innenleben mit dem Finger rauszugraben. Meine Mutter nahm es gelassen. Die Besuche von deutschen Bäckereien mit ihrem Duft und Angebot vermisse ich. Zudem fiel mir dann noch ein Schweizer Landbrot zu Boden und mit offenem Mund beobachtete ich, dass es wie ein Gummiball wieder hochsprang. Schluss mit lustig. Dieser Missstand musste ein Ende finden.

Voller Tatendrang schaffte ich mir vor eineinhalb Jahren einen Brotbackautomaten an. Mit jedem Gebäck, das ich mit diesem Gerät fabrizierte, wurde ich experimentierfreudiger. Zudem half es mir, endlich anständigen Hefeteig herstellen zu können, eine Teigart, die ich bislang nicht so drauf hatte. Denn für den Gärprozess war ich zu ungeduldig. Die Gehzeit übernahm jetzt «Broti», wie ich den Automaten liebevoll nannte. Zutaten in den Alubehälter, Programm und Bräunungsgrad auswählen – drei Stunden später hatte ich ein warmes Brot auf dem Tisch. Meine Schwester in Lüneburg motivierte ich ebenfalls, ihr Gerät aus seinem Kellerdasein zu befreien. Sie toppte das
Ganze noch, indem sie sogar das Mehl selbst herstellte. Schon bald schickten wir uns regelmässig Brotfotos samt passendem Rezept. 

Letzte Woche hatte ich mir in den Kopf gesetzt, Rosinenstuten fürs Sonntagsfrühstück zu backen. Keine Sorge, die wiehern nicht. Es handelt sich um ein süsses Hefeteigbrot mit Rosinen. Broti durchwalkte hörbar die Zutaten wie gewohnt, doch als er für den Backvorgang aufheizte, stank es auf einmal fürchterlich. Als ich die Klappe lüpfte, sah ich die furchterregend rotglühenden Heizstäbe. Bevor mir diese um die Ohren flogen, zog ich den Stecker und evakuierte den Teig, um ihn im Ofen fertigzubacken. Das wars mit meinem Freund Broti. Nach eineinhalb Jahren hat er seine Dienste eingestellt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich Broti nachts hätte arbeiten lassen. Denn ich fand heraus, dass Brotbackautomaten nicht selten die Ursache für einen Wohnungsbrand sind. Aber natürlich lass ich mir die Rosinen nicht vom Brot stehlen. Schon bald werde ich Broti II. anschaffen. So einen Freund, der einem die Arbeit abnimmt, möchte ich nicht mehr missen.

17.10.2019 :: Christina Burghagen ist Freie Journalistin und bietet Anlässe an zum Thema «Essen wie im alten Bern».
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