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Löwenzahn

Es gefällt mir, wenn auf den Wiesen im Mai der Löwenzahn blüht. Aber auf meinem Rasen stört er einfach. Und er breitet sich aus. «Schon bald ist das kein Rasen mehr, sondern eine Blumenwiese», dachte ich und kaufte in der «Landi» ein Spritzmittel, las die Anleitung und spritzte es genau so. Und tatsächlich: Drei Tage später waren Löwenzahn, Klee und Wegerich gelb, nach dem nächsten Mähen freute ich mich wieder am schönen, grünen Rasen. Aber schon nach drei oder vier Wochen begann er wieder zu spriessen. Ich fragte Kobi, den Gärtner, ob es ein besseres Mittel gebe. «Die kommen immer wieder», sagte er. «Und was du da spritzt, ist Gift. Ich würde sie ausstechen.» Das leuchtete mir ein. Ich kaufte mir also so einen Unkrautstecher und arbeitete mich auf den Knien und mit gekrümmtem Rücken zwei Stunden lang durch den Rasen. Das war anstrengend, aber am Schluss hatte ich ein gutes Gefühl und einen sauberen Rasen. Aber nach ein paar Wochen sah ich, dass an den gleichen Stellen wieder Löwenzahn wuchs, noch dichter als vorher. Ich rief Kobi, den Gärtner, an: «Das war eine Schnapsidee und hat nichts genützt!» «Einmal jäten reicht nicht», gab er zur Antwort. «Wenn ein Stück Wurzel im Boden bleibt, wächst er wieder. Und seine Samen fliegen weit. Da musst du immer wieder drüber.» Ich stöhnte. «Und wenn du das nicht willst», fuhr er fort, «musst du lernen, ihn zu lieben.» – «Und das sagt mir ein Gärtner…», dachte ich bei mir. Aber irgendwie hat er Recht. Was masse ich mir an, alles, was mich stört, auszumerzen? Und eigentlich finde ich Löwenzahn schön, sofern er nicht alles andere überwuchert. Seither jäte ich ab und zu schon, aber ein paar Pflanzen lasse ich immer stehen. Als Zeichen dafür, dass manchmal genau das, was ich mir im Leben nicht gewünscht habe, etwas Farbe bringt…



16.05.2019 :: Samuel Burger, reformierter Pfarrer, Konolfingen
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