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Leuchtet der Bildschirm weiss, wirds heiss bei der Rehkitzsuche
Leuchtet der Bildschirm weiss,   wirds heiss bei der Rehkitzsuche Emmental:

Dank Drohnen ist es möglich, Wiesen in kurzer Zeit auf Rehkitze abzusuchen. Nötig sind dafür nicht nur Kenntnisse des Wildes, sondern auch der Technik. 

«Da hätten wir mit einer gewöhnlichen Vorabsuche kaum eine Chance.» Das sagt Bruno Pfister, Präsident des Jagd- und Wildschutzvereins Oberemmental, beim Anblick mehrerer grosser Heuwiesen. Bei der Vorabsuche schreiten Jäger ein Feld systematisch ab, den Blick stets zu Boden gerichtet in der Hoffnung, Rehkitze zu entdecken, um diese vor der Mähmaschine retten zu können. 

Ein Surren und ein rotes Licht

Neben dem Feld startet sein Jagdkollege Thomas Röthlisberger seine Drohne, die mit einer Wärmebild- und einer normalen Kamera ausgestattet ist. «Für diesen ‹Bitz›, rund 1,5 Hektar, braucht sie sieben Minuten», gibt er Bescheid. Das batteriegetriebene Fluggerät steigt hoch und fliegt die Parzelle systematisch ab. 

Kurz vor 05.00 Uhr ist es noch finstere Nacht – nur das Surren der Rotoren ist zu hören und rote Lichter zeigen, wo sich das Gerät befindet. Die Blicke von Thomas Röthlisberger und Bruno Pfister sind indes auf einen kleinen Bildschirm gerichtet. Dort ist das Bild der Infrarotkamera zu sehen. Blau zeigt kalte Stellen, rot und gelb etwas wärmere und bei weiss wirds richtig heiss – bezogen auf die Suche nach Rehkitzen. «Da ist etwas», meint Pfister plötzlich. Ein weisser Fleck huscht über den Monitor. Die Drohne fliegt unbeirrt weiter. Nachdem die Parzelle abgesucht ist, fliegt Röthlisberger manuell zu dieser Stelle zurück und senkt die Drohne von der ursprünglichen Höhe von rund 30 Metern langsam ab. «Das ist kein Kitz», sagt Röthlisberger, der bereits viel -Erfahrung im -Umgang mit der Drohne hat. «Das ist grösser, eher eine Rehgeiss.» Er fliegt noch tiefer. Eine Rehgeiss würde vor dem komisch surrenden und blinkenden Vogel wohl fliehen. Mittlerweile ist die Kontur des Tieres gut erkennbar, das unbeeindruckt im Gras liegt. «Ein Hirsch!», sind sich die beiden Jäger bei dem Tier in der Matte oberhalb von Bärau einig. Rehkitze indes scheint es hier nicht zu haben. 

Katzen, Mäusehügel, Kühe  

Rasch wird klar, dass auch die Rehkitzsuche mit modernsten Geräten viel Erfahrung braucht: Alles, was wärmer ist als der Boden, wird angezeigt. Beim nächsten Bauern, nun im Gebiet Dürsrüti, streunen nicht weniger als drei Katzen durch die Wiese. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie ein Rehkitz. Bei näherer Betrachtung fällt aber der runde Kopf auf, zudem ergreifen die Katzen die Flucht, ein Kitz würde sich ducken. 

«Hast du gesehen, da war etwas», meint Pfister wieder – «Ja, eine Kuh!», antwortet Röthlisberger und lacht. «Die Wiese ist hier nämlich zu Ende, wir sind in der Weide.» Auch frische Kuhfladen oder Mäusehügel leiten auf falsche Fährten. Aufgeregtes Gebimmel zeigt an, dass den Rindern eine in der Morgendämmerung herumschwirrende Drohne nicht geheuer ist. Die Jäger sind frühmorgens unterwegs, weil die Temperaturen dann noch tief sind. Fünf Grad zeigt das Thermometer an. Auch andere Trupps sind unterwegs. Kurz vor 5.30 Uhr erhält Röthlisberger, der beruflich als Polier bei einer Zimmerei tätig ist, einen Anruf eines Kollegen, der technische Probleme mit der Drohne hat. Man trifft sich draussen im Feld und nach kurzer Zeit läuft das Ding wieder. «Endlich können wir loslegen», sagen die vier Jäger, setzen sich in die Geländewagen und rauschen davon. Auch Thomas Röthlisberger schüttelt ab und zu den Kopf, etwa, wenn das Bild nicht auf den Monitor übertragen wird. «Vor wenigen Jahren kostete eine solche Drohne um 25’000 Franken», erklärt der 30-Jährige. Das Gerät, das er hier einsetzt, kostet 5500 Franken und wurde durch den Verein Rehkitzrettung Schweiz entwickelt. «Die Technologie ist jung, daher ist klar, dass es noch die eine oder andere Kinderkrankheit gibt.» Das Emmental fungiert als Pilotregion, um eine flächendeckende Rehkitzrettung zu testen. Sieben Piloten sind im oberen Emmental unterwegs. Röthlisberger ist für Langnau zuständig, ab und zu macht er sich auch in Schangnau auf die Suche. 

Dort ist eines!

«Dort ist eines», kommentiert der 30-Jährige, den Blick konzentriert auf den Bildschirm gerichtet. Ein Stück abseits entdecken die Jäger dank der Kamera zunächst den Liegeplatz der Rehgeiss und dann noch ein zweites Kitz. Die Punkte werden gespeichert, weiter geht die Suche. Schliesslich finden die Jäger noch ein drittes Rehkitz. Bauer Simon Hofer hat Apfelharrassen bereitgelegt, mit  denen die Jäger die Kitze überdecken, damit diese nicht Reissaus nehmen, bis die Wiese gemäht ist. Nun steuert Thomas Röthlisberger die Drohne genau an die gespeicherten Stellen und Bruno Pfister kann die Kitze rasch finden und schützen. 

Sie lagen genau da, wo Simon Hofer sie vermutet hat. «Dort hat es fast immer welche», berichtet er. «Die Suche mit der Drohne ist eine gute Sache. Rasch und sicher.» – «Die Landwirte machen gut mit», bilanziert Röthlisberger, als er die Geräte einpackt, um zum nächsten Feld zu fahren. Bruno Pfister ergänzt, dass sie dank der Drohne die Rehkitzsuche erfolgreich durchführen könnten, obschon die Landwirtschaft immer hektischer werde. «Früher kriegten wir Anrufe, dass diese und jene Wiese in drei, vier Tagen gemäht werden solle. Heute ist es so, dass die Bauern abends anrufen und morgen mähen wollen.» Das tut Bauer Simon Hofer nun – mit seinem Traktor und einem guten Gefühl.

 

06.06.2019 :: Bruno Zürcher
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