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Kain und Abel

Und die Menschen bekamen zwei Söhne. Kain, der ältere, wurde ein Bauer, arbeitete achtzig Stunden in der Woche und konnte knapp seine Familie durchbringen. Abel, der jüngere, wurde Jurist, fand einen tollen Job, kaufte sich eine Loft-Wohnung und ein schickes Auto und reiste in den Ferien rund um die Welt. Als Kain das sah, ergrimmte er sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: «Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?» Und Kain sagte: «Das ist ungerecht! Ich schufte jeden Tag von früh bis spät, ruiniere meine Gesundheit, kann mir und meiner Familie nie auch nur ein paar Tage Ferien leisten, und der da lebt in Saus und Braus. Schon immer fiel dem alles in den Schoss und ich musste krampfen. Immer ging der mit Freunden aus und ich musste zu Hause helfen. Jetzt reicht es mir!» Da sprach der Herr zu Kain: «Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Du musst Herr über sie sein!» – «Das würde dir so passen», entgegnete Kain, «das ist nicht meine Schuld, dass es dem besser geht, ich habe immer getan, was ich konnte, aber du hast nur ihn belohnt und mich links liegen gelassen. Du bist unfair. Jetzt helfe ich mir selber!» Und der Herr sprach zu Kain: «Weisst du etwa, was gerecht ist? Du weisst nur, was du als ungerecht empfindest. Du kannst nicht ins Herz deines Bruders blicken, er trägt seine eigene Last, genauso wie du deine. Und wenn du nicht sein Hüter sein willst, darfst du auch nicht sein Richter sein.» – «Last? Nie hat der eine Last getragen, immer nur ich. Hat seinen Spass gehabt und ich die Arbeit.» Da fragte der Herr: «Möchtest du denn mit ihm tauschen?» – «Ja, sofort», gab Kain zur Antwort, «der soll auch mal das tun, was ich tun muss!» -– «Und du tust, was er tun muss», entgegnete der Herr. Da wurde Kain plötzlich still. Und nach einer Weile sagte er: «Das ist mir zu langweilig, ich will doch gar nicht so sein wie er!» Und der Herr sprach zu Kain: «Siehst du, du hast dein Leben. Dafür bist du verantwortlich, und nur damit kannst du glücklich werden. Und er mit seinem.» Und Kain nahm sich das zu Herzen.

06.09.2018 :: Samuel Burger, refomierter Pfarrer, Konolfingen
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