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Im Totalwaldreservat die Natur 50 Jahre sich selbst überlassen
Im Totalwaldreservat die Natur 50 Jahre sich selbst überlassen Trub:

Ein Totalwaldreservat wird während 50 Jahren sich selbst überlassen. Im Kanton Bern sollen mehr solche Flächen entstehen. In der Gemeinde Trub sind 24 Hektaren vorgesehen.

Das Amt für Wald hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 fünf Prozent der Waldfläche des Kantons Bern als Totalwaldreservate auszuscheiden, das sind rund 10’000 Hektaren – viermal mehr als heute. Auf einen entsprechenden Aufruf haben sich 26 Waldeigentümer gemeldet, hauptsächlich aus den Alpen, Voralpen und dem Jura. Kaum vertreten sei das Mittelland, sagt Rolf Lüscher, Bereichsleiter Waldwirtschaft und Biodiversität beim Amt für Wald. «Dort sind die Wälder oftmals flacher und können rationeller bewirtschaftet werden als im Hügel- und Berggebiet.» 

In einem Totalwaldreservat darf der Mensch während der Vertragsdauer von 50 Jahren keine Eingriffe vornehmen. Der Kanton stellt noch weitere Bedingungen: eine Fläche von mindestens 20 Hektaren und Baumarten, die mindestens zur Hälfte natürlicherweise in dieser Region vorkommen. In Schutzwäldern dürfen hingegen keine Totalwaldreservate errichtet werden.

Besitzer wollen Biodiversität fördern

Mit manchen Interessenten würden die Verhandlungen noch laufen, sagt Rolf Lüscher, einige Verträge seien bereits abgeschlossen. Nicht immer sei man sich aber bezüglich Entschädigung einig geworden. Der Kanton zahlt den Besitzern einen einmaligen Betrag, der vom ökologischen Wert und der Lage des Waldes abhängig ist. 

Weit fortgeschritten sind die Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft Goldbach, welche in Trub 100 Hektaren Wald besitzt. Rund 20 Hektaren im Gebiet Homattflue-Goldbach will sie nun als Totalwaldreservat ausscheiden. Weil auch die Stiftung Lebensart, die das benachbarte Grundstück besitzt, für dieses Projekt gewonnen werden konnte, umfasst das geplante Reservat 24 Hektaren. Ihnen sei es ein Anliegen, die Biodiversität zu fördern und damit auch den umliegenden Wirtschaftswald positiv zu beeinflussen, betont Paul Gerber von der Erbengemeinschaft. Ein Teil des Waldes befinde sich in steilem Gebiet und sei auch bisher nur in grossen Zeiträumen bewirtschaftet worden. Dazu komme ein flacheres Stück mit einem Orchideen-Buchenwald. 

Die Ökologie sei ihnen nicht erst jetzt ein Anliegen, wie Simon Reist ausführt, der zusammen mit Paul Gerber die Verhandlungen mit dem Kanton führt. «Bereits heute besteht im Gebiet eine Totholzinsel von 13,8 Hektaren, die nun ins Totalwaldreservat integriert werden kann.» Gerber und Reist ist bewusst, dass der Entscheid von heute sich erst in Jahrzehnten und somit für die nächsten Generationen auswirken wird.  

Altern, Zerfall und Erneuerung

Dass sich das Gebiet für ein Totalwaldreservat eignet, kann Revierförster Beat Reber bestätigen. «90 Prozent der Fläche ist im Wald- und Naturschutzinventar des Kantons vermerkt. Das heisst, es sind besondere Naturwerte vorhanden.» Auch befinde sich das geplante Reservat im Naturschutzgebiet Napf. Es kämen zahlreiche seltene oder gefährdete Tier- und Pflanzenarten vor, so etwa der Schwalbenwurz-Enzian, der Alpensalamander, der Steinadler und die Waldohreule. 

Mit dem Totalwaldreservat werde einer ungestörten natürlichen Entwicklung ihren Lauf gelassen, führt Rolf Lüscher vom Amt für Wald aus. «Altern, Zerfall und Erneuerung kann, anders als in einem bewirtschafteten Wald, stattfinden.» Stehendes und liegendes Totholz biete Lebensraum für Pilze, Insekten, Spechte und Fledermäuse. Auch Fallholz nach einem Sturm werde nicht entfernt. Lichtungen böten neuen Lebensraum für Pionierpflanzen wie die Vogelbeere, erklärt Lüscher. 

Und der Borkenkäfer?

Wenn von Totholz die Rede ist, ist meist die Angst vor dem Borkenkäfer nicht weit. Sollte ein Befall eintreten, werde ein Forstschutzkonzept regeln, wie die Nachbarparzellen zu schützen seien, betont Rolf Lüscher. «Angedacht ist, dass die betroffenen Bäume in einer Pufferzone entrindet werden und der Borkenkäfer somit dezimiert wird.» In jedem Fall werde man eng mit dem Revierförster zusammenarbeiten. 

Ein weiterer Punkt, den es zu beachten gelte, sei die Sicherheit, erklärt Rolf Lüscher. Ein Totalwaldreservat bedeute nicht ein totales Betretungsverbot. «Der Wald wird nicht abgesperrt, sondern bleibt frei zugänglich. Auch die Jagd ist weiterhin möglich.» Weil Totholz stehen gelassen werde, müssten Besucher jedoch Vorsicht walten lassen. Darauf werde mit Schildern hingewiesen. «Verläuft ein Wanderweg durch das Gebiet, ist es nicht ausgeschlossen, entlang des Weges aus Sicherheitsgründen einige Bäume zu fällen.» Ideal sei es jedoch, wenn es im Wald für Flora und Fauna zu möglichst wenigen Störungen komme.

Das Ziel noch nicht erreicht

Damit der Kanton das Ziel, fünf Prozent der Waldfläche als Totalwaldreservate auszuscheiden, erreichen kann, braucht es noch einiges. Im Fall von Trub werde nun eine Grunddokumentation erstellt und diesen Herbst öffentlich aufgelegt, schildert Rolf Lüscher das weitere Vorgehen. Sollten Einsprachen eingehen, käme es zu Einigungsverhandlungen. Mit der Vertragsunterzeichnung gibt es auch eine Anmerkung im Grundbuch.

22.08.2019 :: Silvia Wullschläger
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