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«Frauen lebten in den Anstalten lange unter prekären Verhältnissen»
«Frauen lebten in den Anstalten  lange unter prekären Verhältnissen» Administrative Versorgung: Männer wurden häufiger in Anstalten versorgt als Frauen, diese mussten aber mit schlechteren Bedingungen und weniger Bewegungsfreiheit leben.

Die Unabhängige Expertenkommission (UEK) arbeitet im Auftrag des Bundesrates das Unrecht auf, das administrativ versorgten Menschen bis 1981 widerfahren ist (siehe Kasten). Dieses dunkle Kapital der jüngeren Schweizer Geschichte wird der Bevölkerung unter anderem mit einer Wanderausstellung zugänglich gemacht (siehe Kasten Seite 2). Kevin Heiniger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der UEK und widmete sich dem Thema «administrative Versorgung und Geschlecht». 

Generell seien mehr Männer als Frauen administrativ versorgt worden, stellt er fest. Meist habe eine Kombination von mehreren Faktoren zu einer Einweisung geführt. Als Grund sei häufig ein «liederlicher Lebenswandel» genannt worden: «Bei Männern, wenn sie ihren Pflichten als Ernährer nicht nachkamen oder sie als trunksüchtig galten. Frauen erhielten diesen Stempel vorwiegend wegen ihres sexuellen Verhaltens aufgedrückt.» Unabhängig des Geschlechts seien mehrheitlich mittellose Leute und solche der Unterschicht in Anstalten eingewiesen worden, so Kevin Heiniger. Sie hatten keinen rechtlichen Beistand und wagten es nicht, sich den Behörden zu widersetzen. 

Der Behördenwillkür ausgeliefert

Die Behörden hätten die administrative Versorgung oft als Präventionsmassnahme verstanden, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter. «Eine Frau sollte beispielsweise daran gehindert werden, noch mehr uneheliche Kinder in die Welt zu setzen.» Habe sich jemand mehrmals etwa bei «kleineren Diebereien» erwischen lassen, sei nicht selten nach dem Absitzen der Strafe eine administrative Versorgung angeordnet worden. «Der Aufenthalt in einer Anstalt konnte nach Belieben verlängert werden.» Es gab keine Rekursmöglichkeit, die Betroffenen waren der Behördenwillkür ausgeliefert. 

Als erzieherische Massnahme habe bei beiden Geschlechtern die Arbeit im Vordergrund gestanden, führt Kevin Heiniger weiter aus. Frauen wurden vorwiegend für hauswirtschaftliche Arbeiten eingesetzt, beispielsweise in der Wäscherei. Männer hätten meist in der Landwirtschaft oder handwerklich gearbeitet. «Es fällt auf, dass die weiblichen Internierten weniger Bewegungsfreiheit hatten als die männlichen.» Im freiburgischen Bellechasse, wo sowohl Männer als auch Frauen lebten, hätten die Frauen ihren eigenen, geschlossenen Bereich kaum verlassen dürfen. Auch die «körperliche Ertüchtigung» sei ihnen lange Zeit verwehrt geblieben. Ausgang am Abend und Urlaub am Wochenende sei männlichen Insassen mancherorts schon um 1930 zugestanden worden, den weiblichen erst rund 30 Jahre später. 

Männeranstalten «rentierten» mehr

Generell hätten Frauen unter schlechteren Bedingungen leiden müssen, sagt Heiniger. Missstände bei der Infrastruktur seien in Frauenanstalten nur schleppend behoben worden. «Frauen lebten länger auf engem Raum und unter teils prekären hygienisch Verhältnissen als Männer. In Hindelbank etwa standen bis 1960 für über 100 Personen sieben Duschen und vier Wannenbäder zur Verfügung.» Wahrscheinlich seien finanzielle Gründe dafür verantwortlich gewesen. So hätten Männeranstalten besser «rentiert», weil deren Arbeit für externe Kunden höher entschädigt worden sei als jene von Frauen. «Zudem konnten Männer Reparaturen selber ausführen, was ebenfalls Geld gespart hat», nennt Kevin Heiniger als weiteren Grund. 

Wer sich wehrte, wurde bestraft

Untersucht wurden auch die Disziplinarmassnahmen. «Der Strafenkatalog sah für Männer und Frauen in etwa gleich aus, jedenfalls auf dem Papier», erklärt Heiniger. Frauen seien aber stärker gefährdet gewesen, sexuell missbraucht zu werden, da die höheren Beamten und Angestellten meist männlich waren. Wehrte sich ein Opfer und machte den Missbrauch öffentlich, wurden oft die Haftbedingungen verschärft. «Dann hiess es, die Frau wolle den Beamten verleumden. Bei einer Beschwerde, die bei der Anstaltsleitung vorgebracht werden musste, glaubte man den Gefangenen generell selten.»

 

Zum Bericht einer Betroffenen (hier klicken)

 

Weggesperrt, ohne dass eine Straftat vorlag

Unter administrativer Versorgung sind Massnahmen zu verstehen, die in der Schweiz vor 1981 zu einem Freiheitsentzug und zur Einweisung in eine geschlossene Anstalt führten. Administrative Versorgungen wurden von Verwaltungsbehörden angeordnet, ohne dass eine Straftat vorlag. 

Nach mehrjähriger Forschungsarbeit veröffentlicht die Unabhängige Expertenkommission (UEK) bis September 2019 ihre Ergebnisse in einer zehnbändigen Publikationsreihe. Ziel ist es, dass sich die Öffentlichkeit mit der Thematik und den Schicksalen der betroffenen Personen auseinandersetzt.

Die Pädagogische Hochschule Bern erarbeitet zusammen mit der UEK ausserdem Unterrichtsmaterial für die Primar- bis zur Gymnasialstufe.

25.04.2019 :: Silvia Wullschläger
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