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«Es scheint ein Vielfaches mehr Sonne, als genutzt wird»
«Es scheint ein Vielfaches mehr Sonne, als genutzt wird» Lützelflüh:

Sonnenenergie ist im Aufschwung, auch wenn das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft wird. Lützelflüh schneidet von allen Berner Gemeinden am besten ab.

Gemeindepräsident Andreas Meister ist erfreut über das Abschneiden seiner Gemeinde. Gemäss einer von Swiss Energy Planning (SEP) durchgeführten Auswertung nutzte Lützelflüh per 1. Januar 2018 fast 20 Prozent des Potenzials für Solarstrom auf gut geeigneten Dächern. Damit liegt die Emmentaler Gemeinde im Kanton Bern an der Spitze und schweizweit auf Rang 9. Meister vermutet, dass dies an den relativ vielen und zum Teil auch grösseren Anlagen auf Dächern von Gewerbe- und Landwirtschaftsbauten liege. Zudem sei mit Gemeinderat Franz Held ein Solarpionier am Werk, der manchen davon überzeugt habe, Solarpanels auf dem Dach anzubringen. Die Gemeinde selber betreibe zwei Solaranlagen: eine auf dem neugebauten Wagenschopf des Werkhofs zur Stromproduktion sowie eine auf dem Mehrzweckgebäude im Emmenschachen zur Warmwasserproduktion des Schwimmbades.

Lokal sehr unterschiedlich

David Suter von SEP hat die Zahlen zu Lützelflüh ausgewertet. Beim näheren Betrachten zeige sich, dass nicht jeder Ortsteil von Lützelflüh gleich gut dastehe; der eigentliche Spitzenreiter mit 19,69 Prozent sei Ramsei. Dort befänden sich zwei grosse Anlagen mit einer Spitzenleistung von je 413 Kilowatt. Diese werden beide von der Kühni AG betrieben. Nimmt man die anderen Ortsteile der Gemeinde dazu, Grünenmatt und Lützelflüh-Goldbach, beträgt das ausgenutzte Potenzial gemäss Daniel Suter noch rund fünf Prozent. Damit liegt die Gesamtgemeinde nur noch wenig über dem Schnitt der Gemeinden in der Schweiz; diese nutzen drei Prozent ihres Potenzials. Während der Kanton Bern mit 2,99 Prozent im Mittelfeld aller Kantone liegt (Rang 13), glänzt der Kanton Luzern mit Platz 2 (4,68 Prozent). Auch hier kann David Suter Details liefern. Luzern verfüge über eine deutlich höhere durchschnittliche Anlagengrösse als die Gesamtschweiz (36 zu 26 Kilowattpeak). «Ein Grund könnten gute und grosse Dachflächen sein oder auch Solarpioniere, welche den Ausbau in ihrer Region vorantreiben», erklärt Suter.

Ungenutztes Potenzial

Obwohl einzelne Gemeinden gut dastehen würden, sei das Potenzial selbst auf den gut geeigneten Dächern noch fast unangetastet, kommentiert der WWF Schweiz das Resultat der Solaranalyse. «Es scheint ein Vielfaches mehr Sonne, als genutzt wird.» Auf den Dächern – und ebenso an den Fassaden – schlummere eine Lösung, um die Energiewende zu schaffen. 

Auch die kürzlich veröffentlichte Sonnenenergie-Markterhebung für das Jahr 2018 zeigt einen leichten Aufschwung bei der Photovoltaik. So seien die Verkaufszahlen gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent auf 271 Megawatt gestiegen, was etwa einer Fläche von 253 Fussballfeldern entspreche, orientiert der Branchenverband Swissolar, der die Studie durchgeführt hat. Der Anteil des Solarstroms am Gesamtverbrauch lag demnach bei 3,4 Prozent (2017: 2,9 Prozent). 

Mehr Anreize für Grossanlagen

Gründe für die positive Entwicklung sieht Swissolar in der Energiestrategie 2050, beispielswiese mit der Einmalvergütung für Anlagen jeder Grösse, die rund 20 Prozent der Investitionskosten abdecke. Zudem hätten die Wartefristen bis zur Auszahlung dieser Fördergelder auf unter zwei Jahre reduziert werden können. Trotz des Aufwärtstrends geht Swissolar mit dem WWF einig: Es gibt noch viel zu tun. «Für den Ersatz der Atomkraft und der fossilen Energien muss der jährliche Zuwachs von Photovoltaik-Anlagen mindestens verfünffacht werden.» Das sei durchaus realistisch, betont David Stickelberger, Geschäftsführer von Swissolar. Es brauche insbesondere stärkere Anreize für den Bau von Grossanlagen auf Landwirtschafts-, Gewerbe- und Bürogebäuden. Bei den grössten Anlagen (über ein Megawatt) sei im letzten Jahr nämlich ein Rückgang zu verzeichnen gewesen, ebenso bei Landwirtschaftsbauten. 

Sonnenenergie selber nutzen

Bei Grossanlagen zeige sich ein Mangel der aktuellen Förderung, erklärt David Stickelberger. Seit keine kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) mehr ausgerichtet werde, brauche es für einen rentablen Betrieb nebst der Einmalvergütung einen hohen Eigenverbrauch, um Stromkosten zu sparen. Bei Ein- und Mehrfamilienhäusern sei dies relativ einfach zu erreichen, etwa indem eine Wärmepumpe tagsüber, wenn die Sonne scheine, laufe. Auch Gewerbebetriebe hätten eine gute Ausgangslage, aber hier seien die Möglichkeiten noch zu wenig bekannt. Schwieriger sei es bei Landwirtschaftsbetrieben, die einen relativ tiefen Stromverbrauch aufweisen, und bei Grossanlagen. Eine Lösung böten Zusammenschlüsse, indem mehrere Verbraucher gemeinsam ihren Energieversorgung optimierten. «Zudem braucht es neue Förderinstrumente des Bundes», ist David Stickelberger überzeugt. Im Netzzuschlagsfonds, in den jeder Strombezüger 2,3 Rappen pro Kilowattstunde für die Förderung der erneuerbaren Energien einzahlt, sei genügend Geld vorhanden. Weiter müssten die Kantone ihre Energiegesetze anpassten und verlangen, dass bei Neubauten eine Mindestmenge an Strom selber produziert wird. «Es ist ein Skandal, dieses Potenzial nicht zu nutzen.»

31.07.2019 :: Silvia Wullschläger
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